Woher kommt eigentlich der Begriff "Stockholm-Syndrom"?

Ann-Catherin Karg
Freie Journalistin

Wird jemand entführt und bangt um sein Leben, müsste sich sein Zorn eigentlich gegen denjenigen wenden, der ihm das antut, richtig? Nicht immer. Je größer die Gefahr, desto wahrscheinlicher kommt beim Opfer ein Schutzmechanismus zum Greifen, durch den es mit dem Täter sympathisiert und statt seiner die Polizei als Gegner empfindet. Zum ersten Mal bewusst beobachtet wurde das im Jahr 1973 nach einer tagelangen Geiselhaft in Schweden.

Das Drama vom Norrmalmstorg: Sechs Tage lang behielt ein Bankräuber im Jahr 1973 Geiseln in seiner Gewalt. Draußen hatten Scharfschützen die Svenska Kreditbanken im Visier. (Bild: AFP)

Den Morgen des 23. Augusts 1973 wird Kristin Enmark nie vergessen. Wie drei ihrer Kollegen befindet sie sich in einer zentral in Stockholm gelegenen Filiale der Svenska Kreditbanken, als ein Mann mit einer Maschinenpistole hereinstürmt, in die Decke feuert und dabei schreit: "Die Party hat begonnen!“. Die 56 Bankkunden lässt er wenig später frei, doch die Bankangestellten behält er als Geiseln.

Der Geiselnehmer fordert Geld und die Freilassung seines Kumpels

Der Geiselnehmer ist der damals 32-jährige Jan-Erik Olsson, ein Ex-Häftling, der neben der Summe von drei Millionen Kronen die Freilassung seines noch immer inhaftierten ehemaligen Zellengenossen Clark Olofsson fordert. Seine Forderungen stellt er direkt an den Ministerpräsidenten Olof Palme, dem er die Ermordung der Geiseln androht, sollten seine Bedingungen nicht erfüllt werden.

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Die Entführer werden zu "Beschützern"

Einen Tag später, Olofsson ist bereits von Beamten zur Bank gebracht worden, meldet sich nun keiner der Entführer bei Palme, sondern die Geisel Kristin Enmark: Laut verschiedenen Medienberichten sagt sie wortwörtlich: "Palme, du enttäuscht mich sehr! Mein ganzes Leben lang war ich Sozialdemokratin, und jetzt schacherst du mit unserem Leben. Lasst uns doch einfach laufen. Ich habe keine Angst vor diesen Männern. Sie beschützen uns."

In den Tresorraum hatten sich der Geiselnehmer und sein früherer Zellengenosse mit den Geiseln zurückgezogen. (Bild: Getty Images)


In einer vergleichbaren Situation würden wohl die meisten Menschen das sagen, was ihnen von den Verbrechern vorgegeben worden oder dazu angetan ist, sie zu beruhigen. Und doch scheint die Sache in diesem Fall anders zu liegen.

Die einzige Bezugsperson darf nicht böse sein

2015 hat Kristin Enmark ein Buch über das Erlebnis veröffentlicht und der schwedischen Zeitung "Norran" ein Interview gegeben, in denen sie schildert, wie sich bei ihr das bemerkbar machte, was hinterher vom Stockholmer Polizeipsychologen Nils Bejerot den Namen "Stockholm-Syndrom" bekam: Eine Umkehrung der Verhältnisse quasi, indem eine Geisel sich dem oder den Tätern emotional annähert und aus dieser Sichtweise heraus wie der Täter Polizei und Behörden als Gegner betrachtet.

Der amerikanische Psychiater Frank Ochberg erklärte dies einmal gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) als eine Überlebensstrategie, bei der das Opfer in größter Gefahr auf seine primitiven Instinkte zurückgeworfen werde und zum Geiselnehmer ein ähnliches Bindungssystem entwickle wie zur eigenen Mutter. Da der Täter gleichzeitig die einzige Bezugsperson sei, projiziere das Opfer seine Ängste nicht auf ihn, sondern auf die Polizei.

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Die Polizei scheint der wahre Aggressor zu sein

Bei Kristin Enmark hat spätestens ein Erlebnis am dritten Tag der Geiselnahme zu dieser empfundenen Umkehrung der Täter-Opfer-Rollen geführt. Täter und Geiseln hatten sich in einem Tresorraum verschanzt, es gab nichts zu essen, nichts zu trinken, es stank nach Fäkalien und Angst. Über Radio hörten die Geiseln vom Plan der Polizei, die Insassen des Tresorraums mit einem Gas betäuben zu wollen, das sie über ein gebohrtes Loch einleiten wollten.

Daraufhin legte Jan-Erik Olsson den Geiseln Schlingen um den Hals, die er oben an einem Schrank befestigte. Sollten die Geiseln nun bewusstlos werden, würden sie stranguliert, ließ er den Einsatzleiter per Telefon wissen. "Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde die Polizei zur Bedrohung", zitiert der "Spiegel" die damalige Geisel Enmark. "Die Geiselnehmer waren auf einmal die Guten in diesem Spiel. Wir verloren die Kontrolle."

"Wir sehen uns wieder"

Drei weitere Tage hielten die Täter noch durch und ergaben sich erst, als die Polizei am Abend des sechsten Tages tatsächlich damit begann, Gas in den Tresorraum zu leiten. Bei der Festnahme der Täter soll Kristin Enmark die Polizisten angeschrien haben, Olsson und Olofsson nicht wehzutun, da diese "nichts getan" hätten. Vor dem Gebäude, vor dem sich seit Beginn der Geiselnahme viele Journalisten versammelt hatten, rief sie Olofsson noch hinterher: "Wir sehen uns wieder!"

Jan-Erik Olsson wird von Polizisten in Gasmasken abgeführt. (Bild: Getty Images)

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Auch nach Jahrzehnten nicht verarbeitet

Tatsächlich besuchte Enmark den Geiselnehmer Oloffson mehrmals im Gefängnis, hatte sogar eine kurze Liebesbeziehung zu ihm und schrieb ihm zumindest bis 2015 regelmäßig Briefe – obwohl der Verbrecher im Gegensatz zu Jan-Erik Olsson auch nach der Geiselnahme immer wieder straffällig wurde. In ihrem Buch schreibt Enmark: "Seit 43 Jahren verarbeite ich, was damals geschehen ist. Aber überwunden habe ich es noch lange nicht." Dies habe auch damit zu tun, dass man ihr damals mit dem Stockholm-Syndrom lieber einen Stempel habe aufdrücken wollen, als zu verstehen, was eigentlich passiert sei oder wie man den Opfern hätte helfen können. Heute ist Enmark selbst Psychotherapeutin.

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