Das passiert, wenn man im Fitnessstudio plötzlich nicht mehr das Sagen hat
FITBOOK-Redakteurin Julia Freiberger dachte, sie sei sportlich. Zehn Jahre Tanzerfahrung hier, fünf Jahre Sporterfahrung da – bis sie eine Stunde mit einem Personal Trainer verbrachte. In ihrem Erfahrungsbericht erzählt sie von Muskelkater, kleinen Ego-Schrammen – und der überraschenden Erkenntnis, dass Kontrolle abzugeben, manchmal die beste Übung ist.
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Ja, ich hab’s auch mal ausprobiert. Nach der Airfryer-Phase dachte ich, es sei an der Zeit, wieder etwas frischen Wind in meinen Alltag zu bringen – und zwar sportlich. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich an ein Training mit einem Personal Trainer gewagt.
Genau genommen, habe ich eine ganze Stunde lang Übungen und Geräte ausprobiert, die ich sonst niemals machen würde. Zugegeben: Ich habe lange Zeit regelmäßig Sport im Fitnessstudio gemacht, aber ich bin eher ein Fan von Eigengewichtsübungen – also Übungen, bei denen man ausschließlich mit dem eigenen Körper arbeitet.
Vom Tanzsaal ins Fitnessstudio
Zehn Jahre lang war Tanzen mein Leistungssport. Körperspannung, Ausdauer, Balance – alles, was ich heute beim Training brauche, hat dort begonnen. Nach meiner Ausbildung wollte ich das, was ich vom Tanztraining kannte, in meinen Alltag integrieren. Also kombinierte ich bekannte Bewegungen wie Squats, Planks und Liegestütze mit klassischen Übungen im Fitnessstudio.
Was ich gerne mache: Adduktoren- und Abduktorenmaschinen für die Beininnenseiten und -außenseiten, die Beinpresse für Kraft in den Oberschenkeln, Squats mit Kettlebell für Po und Rumpf. Zum Aufwärmen steige ich auf den Stairmaster – dort mache ich Kickbacks, um gezielt die Gesäßmuskulatur zu aktivieren. Danach folgt mein vertrautes Eigengewichtstraining auf der Matte: Sit-ups, Planks, Liegestütze.
Der Vorteil solcher Eigengewichtsübungen: Sie fördern die Stabilität, trainieren tieferliegende Muskeln und verbessern das Körpergefühl – etwas, das ich aus dem Tanzsaal mitgenommen habe. Nur: Man kann sich dabei auch wunderbar selbst betrügen. Und genau da kommt ein Personal Trainer ins Spiel.
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Raus aus der Komfortzone – rein in die Crunch-Maschine
Nach einer kurzen Aufwärmphase ging es direkt ans Eingemachte. Der Trainer führte mich zur Crunch-Maschine – einem Gerät, das die geraden Bauchmuskeln trainiert. Dabei sitzt man aufrecht, das Polster liegt auf Brusthöhe, und mit einer kontrollierten Vor- und Rückbewegung kräftigt man den gesamten Rumpf. Klingt simpel, ist es aber nicht.
Schon beim Einstellen fiel das erste Problem auf: meine Größe. Mit 1,57 Meter passte ich zwar auf den Sitz, doch zwischen meinem Brustkorb und dem Polster klaffte ein deutlicher Abstand. Eigentlich sollte das Polster eng am Oberkörper anliegen, um dabei zu helfen, dass man die Bewegung richtig ausführt – bei mir war das kaum möglich. Der Trainer runzelte die Stirn. „Also, ich habe viele kleine Kundinnen“, sagte er, „aber du bist die kleinste, die ich je hatte.“
Ich lachte unsicher, während er das Gewicht auf 15 Kilo stellte. Die ersten Wiederholungen liefen gut – bis er wortlos das Gewicht erhöhte:
„Was machst du da?“, fragte ich keuchend.
„Das Gewicht schwerer machen.“
„Aber warum?!“
„Damit du dich anstrengst.“
„Ich strenge mich doch an!“
Einige Köpfe im Raum drehten sich in unsere Richtung – offenbar war unser kleines Kräftemessen nicht zu überhören. Ich kniff die Lippen zusammen, um mir keinen weiteren Kommentar zu verkneifen, und machte demonstrativ weiter. In meinem Kopf führte ich natürlich trotzdem ein Streitgespräch, das ich eindeutig gewann. Er sah kurz zu mir, hob nur eine Augenbraue und sagte trocken, ich solle mir die Energie lieber fürs Training aufheben. Ich tat so, als würde ich ihn nicht hören – und zog trotzig weiter. Zum Glück konnte er Humor ab, sonst wäre ich wohl schon nach Satz zwei des Studios verwiesen worden.
Nach zehn Wiederholungen war Schluss. Mein Ego und meine Bauchmuskeln meldeten sich gleichzeitig. Er erklärte mir geduldig, dass Maschinen ganz andere Muskelgruppen beanspruchen als Eigengewichtstraining – und ich mich einfach zu sehr an meinen favorisierten Rhythmus gewöhnt hatte.
Der Kabelzug – oder mein neuer Erzfeind
Als Nächstes kam der Kabelzug. Schon beim Anblick dieser hohen, silberglänzenden Konstruktion mit den seitlichen Gewichtsblöcken und dem langen Seilzug in der Mitte spürte ich leichte Panik. Der Kabelzug steht meist zentral im Fitnessstudio – ein massives Gestell mit Rollen, Griffen und Seilen, an denen sich gefühlt jeder durch verschiedene Übungen zieht, drückt oder streckt. Ich hatte mich bislang immer unauffällig daran vorbeigeschlichen.
„Cable Kickbacks“, sagte der Trainer – eine Übung für Po und hintere Oberschenkel. Er befestigte eine Schlaufe an meinem Fußgelenk, stellte das Gewicht ein und deutete auf die richtige Position: Hände leicht am Gestell, Oberkörper stabil, Rücken gerade. Dann sollte ich das Bein langsam nach hinten oben ausstrecken, bis ich die Spannung im Gesäß spüre – und genauso kontrolliert wieder zurückführen. Klingt leicht, brennt aber ab der dritten Wiederholung.
Ich kämpfte um Haltung, während er mir immer wieder zurief: „Rücken gerade, Bauch anspannen!“ „Er ist angespannt!“, schoss ich zurück. Er grinste, als hätte er genau auf diesen Satz gewartet.
Nach 73 Wiederholungen (ja, ich habe gezählt) wusste ich, dass Laufen am nächsten Tag keine Option sein würde. Die Kabelzugmaschine hatte offiziell gewonnen – vorerst.
Crunches am Kabelturm – und der Moment, in dem ich kurz ans Aufgeben dachte
Gerade als ich dachte, das Schlimmste sei überstanden, wechselte der Trainer nur den Griff am Kabelzug – und ich ahnte: Das hier würde wehtun. Er befestigte das dicke, geflochtene Seil über meinem Kopf und kniete sich selbst davor, um mir die Übung zu demonstrieren.
Mit ruhiger, konzentrierter Bewegung rollte er den Oberkörper nach vorn, zog das Seil kontrolliert nach unten und erklärte dabei, welche Muskelgruppen dabei beansprucht werden – vor allem die geraden und unteren Bauchmuskeln, aber auch der Hüftbeuger, der für Stabilität sorgt. Er legte Wert darauf, dass ich die Bewegung erst dann mit Gewicht ausführe, wenn sie sauber und stabil sitzt. Erst als meine Haltung stimmte und die Bewegung präzise war, begann für ihn die eigentliche Trainingseinheit – ein klarer Hinweis darauf, wie sehr ihm Technik und Sicherheit vor Schnelligkeit gingen.
Ich kniete also vor dem Turm, griff das Seil, zog es mit beiden Händen nach unten und rollte den Oberkörper langsam ein – als würde ich mich Richtung Boden verbeugen. Die ersten Wiederholungen gingen erstaunlich gut, doch nach zehn spürte ich, wie mein Bauch zu brennen begann.
Nach zwanzig Wiederholungen zitterten meine Arme, Schweiß lief mir über die Stirn, doch mein Ehrgeiz war geweckt. Der Trainer stand ruhig hinter mir und achtete darauf, dass jede Bewegung präzise blieb. Ich spürte, wie die Anspannung durch meinen gesamten Körper zog und sich mein Atem beschleunigte, während ich die letzten Wiederholungen durchhielt. Als ich schließlich völlig außer Atem nach oben blickte, sah ich ihn zufrieden nicken. In diesem Moment mischte sich Erschöpfung mit Stolz – und einem kleinen, fast süchtig machenden Gefühl, die eigene Grenze ein Stück weiter verschoben zu haben.
Face Pulls – Spannung bis zum letzten Zug
Zum Abschluss standen Face Pulls auf dem Plan – eine Übung, die Schultern, oberen Rücken und Haltung stärkt. Dabei zieht man das Seil auf Kopfhöhe zu sich heran, hält die Ellbogen oben und spannt den Bauch an, um das Gleichgewicht zu halten. Die Bewegung sieht auf Videos meist elegant und kontrolliert aus – in der Realität fühlt sie sich an wie ein Koordinations-Puzzle aus Kraft, Haltung und Atmung.
Der Trainer stand vor mir und beobachtete jede Bewegung. Kaum hatte ich den ersten Satz begonnen, korrigierte er meine Arme. Ich hob sie höher – offensichtlich zu hoch, denn im nächsten Moment kam schon die nächste Anmerkung. Also senkte ich sie wieder, etwas zu viel diesmal. In meinem Kopf kommentierte ich jede Korrektur trotzig, während ich versuchte, gleichzeitig Haltung, Spannung und Atmung zu kontrollieren.
Jede seiner Anweisungen setzte ich zwar um, aber nie ohne inneren Widerstand – und wahrscheinlich auch mit sichtbarem Augenrollen. Irgendwann kommentierte er knapp, ich solle nicht so schauen. Das machte es natürlich nicht besser. Ich rollte erneut mit den Augen, diesmal demonstrativ, und spannte trotzig den Bauch noch stärker an.
Trotz der ständigen Korrekturen wurde die Bewegung mit jeder Wiederholung präziser. Die Schultern brannten, der Rücken spannte sich, jeder Muskel arbeitete. Ich war müde und verschwitzt und wollte trotzdem durchhalten. Dieses ständige Nachjustieren, mein innerer Widerstand und die Konzentration darauf, alles richtig zu machen, machten das Training intensiver, als ich gedacht hätte. Es war kein Spiel um Kontrolle – eher ein Lernprozess, bei dem ich merkte, wie viel man aus sauberer Technik herausholen kann.
Wenn Humor die beste Trainingsstrategie ist
Am Ende der Stunde, als ich erschöpft, aber zufrieden meine Trinkflasche in die Tasche steckte, meinte der Trainer mit einem Schmunzeln, ich sei wohl eine seiner nervigsten Kundinnen gewesen. Nicht, weil ich mich gewehrt oder nachgelassen hätte – sondern, weil ich bei jeder Übung einen Kommentar parat hatte. Etwas Sarkasmus hier, ein Spruch da. Das war wahrscheinlich mein Weg, mit dem Kontrollverlust umzugehen.
Doch genau das, sagte er, mache solche Einheiten lebendig. Und da hatte er recht: Mein Humor war mein Rettungsanker. Er half mir, mich nicht allzu ernst zu nehmen – und trotzdem alles zu geben.
Warum ein Personal Trainer doch kein Luxus ist
Ich gebe es zu: Ich war skeptisch. Aber nach dieser Stunde habe ich verstanden, warum so viele auf Personal Training schwören. Es ist motivierender, man möchte sich beweisen – und man zieht das Training wirklich durch. Kein Ausweichen, kein „Ich mache morgen weiter“.
Besonders beim Kabelzug habe ich gemerkt, warum solche Geräte im Training so effektiv sind. Das Seil bleibt nie völlig stabil – dadurch müssen viele kleine Muskeln mitarbeiten, um die Bewegung auszugleichen. Das trainiert nicht nur Kraft, sondern auch Koordination und Körperkontrolle. Ein Personal Trainer sorgt dabei dafür, dass jede Bewegung sauber ausgeführt wird und man die Instabilität richtig nutzt, anstatt sich zu überlasten.
Ein Trainer merkt aber auch, wenn man sich selbst bremst. Er korrigiert, fordert heraus und zwingt einen dazu, das Beste aus sich herauszuholen. Natürlich ist ein Trainer keine günstige Investition – aber eine, die sich lohnt. Wer sich einmal pro Woche diese Anleitung gönnt, tut langfristig etwas für Haltung, Technik und Körperbewusstsein – Dinge, die sich schwer in Zahlen messen lassen, aber spürbar sind.
Und obwohl ich mit meinen Kommentaren wohl in seine Top 3 der nervigsten Kundinnen eingegangen bin, muss ich zugeben: Genau das war der Punkt. Denn in dieser Stunde habe ich mich nicht nur körperlich, sondern auch mental gefordert. Und das ist ein Gefühl, das bleibt.
Mein Fazit: Kontrollverlust mit Lerneffekt
Eine Stunde mit einem Personal Trainer kann sich anfühlen wie ein kleiner Reality-Check. Man erkennt, wie sehr man sich beim Alleintraining selbst schont – und wie viel Potenzial eigentlich noch da ist. Ich habe Muskeln gespürt, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren. Mein Ego wurde auf die Probe gestellt, meine Haltung gleich mehrfach korrigiert. Aber ich habe auch etwas gelernt: Kontrolle abzugeben kann befreiend sein – vor allem, wenn man dabei lacht. Würde ich es wieder tun? Wahrscheinlich ja. Aber erst, wenn der Muskelkater weg ist.