Was machen Wespen eigentlich im Winter?
Wenn im Spätsommer die letzte Wespe am Marmeladenbrot knabbert, fragen sich viele Menschen: Wohin verschwinden diese Tiere eigentlich im Winter? Während Honigbienen sich eng aneinanderschmiegen, fahren Wespen eine ganz eigene, erstaunlich effektive Überlebensstrategie. PETBOOK-Redakteurin und Biologin Saskia Schneider erklärt, wie die Insekten die härteste Zeit des Jahres meistern – und warum man mitten im Januar plötzlich einer „Riesenwespe“ im Wohnzimmer begegnen kann.
Welche Wespenarten im Winter überhaupt überleben
Von den hunderten Wespenarten, die in Europa vorkommen, leben in Deutschland nur 16 Arten in großen, sozialen Staaten. Die bekanntesten sind die Deutsche Wespe (Vespula germanica) und die Gemeine Wespe (Vespula vulgaris). Das sind auch jene beiden Arten, die uns im Sommer am Frühstückstisch besuchen und allgemein als „Lästlinge“ gelten. Die größte heimische Vertreterin ist allerdings die Hornisse, die mit bis zu vier Zentimetern Körperlänge beeindruckend wirkt.
Alle sozialen Wespenarten eint, dass nur ein einziger Teil des Volkes die kalte Jahreszeit übersteht: die Jungköniginnen. Arbeiterinnen und Drohnen– so nennen Fachleute die männlichen Wespen und Bienen – sterben in der Regel bereits im Herbst. Der alte Staat löst sich vollständig auf. Nur die jungen, frisch begatteten Königinnen retten sich in geschützte Verstecke. Im Frühjahr, meist zwischen März und April, bei Hornissen ab Mitte Mai, erwachen sie und beginnen mit dem Bau eines neuen Nestes – und mit ihnen startet ein neuer Wespenzyklus.
Wo Wespenköniginnen überwintern
Schon ab Ende August, spätestens aber bis Mitte September, verlassen die Jungköniginnen das Nest. Die Temperaturen sinken, die Nahrung wird knapp, und das alte Volk ist nicht mehr überlebensfähig. Das Wespennest bleibt zurück und wird im darauffolgenden Jahr nicht wieder besiedelt. Seine Bewohner sterben nach und nach.
Die jungen Königinnen hingegen suchen sich jetzt gut geschützte Orte, an denen sie den Winter verbringen können: Dachstühle, rissige Baumhöhlen, morsches Holz oder tiefe Spalten im Erdreich. Manche Arten überwintern sogar bis in den Februar hinein.
Dort verfallen die Tiere in eine Winterstarre, auch Diapause genannt. Das ist eine Art biologischer Tiefschlaf, in dem nahezu alle Lebensfunktionen auf ein Minimum reduziert werden. Diese Strategie ist für wechselwarme Insekten überlebenswichtig, denn sie können ihre eigene Körpertemperatur nicht aktiv regulieren.1
Wie die Winterstarre der Wespen funktioniert
Sobald die Temperaturen sinken, stellt die Wespenkönigin ihren Stoffwechsel auf ein absolutes Minimum ein. Atmung, Herzschlag und Muskelaktivität werden derart stark reduziert, dass die Tiere von außen beinahe tot wirken. Das ist jedoch Teil einer genialen Überlebensstrategie: Nur so können sie wochen- bis monatelang ohne Nahrung auskommen.
Um empfindliche Körperteile zu schützen, nehmen Wespenköniginnen eine spezielle Starre-Haltung ein. Sie legen die Fühler seitlich am Kopf an, klemmen die Flügel eng unter den Hinterleib und verankern sich mit ihren Krallen fest im Untergrund. Viele Tiere beißen sich zusätzlich mit ihren Mandibeln fest, damit sie auch durch Erschütterungen oder leichte Bewegungen nicht aus ihrer Position gedrückt werden.
Außerdem bilden die Königinnen im Körper eine Art natürliches Frostschutzmittel, das verhindert, dass Gewebeflüssigkeiten in den Zellen gefrieren und diese beschädigen. Trotz all dieser Anpassungen bleibt die Winterzeit für die Tiere äußerst gefährlich.2
Warum so viele Wespen den Winter nicht überleben
Die Überwinterungsphase ist für Wespenköniginnen die riskanteste ihres Lebens. Die meisten von ihnen sterben, bevor sie im Frühjahr erwachen. Dabei ist eine der größten Bedrohungen Feuchtigkeit: Wenn das Versteck zu nass ist, setzt schnell Schimmel an – ein Todesurteil für ein wehrloses Tier in Starre. Aber auch natürliche Feinde machen ihnen zu schaffen. Für Mäuse, Spitzmäuse oder Vögel ist eine erstarrte Königin ein willkommener, eiweißreicher Winterhappen.
Nicht zu unterschätzen ist auch der Mensch. Viele Königinnen werden versehentlich geweckt, wenn Brennholz ins warme Wohnzimmer getragen wird, wenn im Schuppen aufgeräumt oder am Dach gearbeitet wird. Die plötzliche Wärme bringt die Tiere aus der Starre – und damit oft in Lebensgefahr. Ohne ein schützendes Winterquartier haben sie kaum Überlebenschancen.
Statistisch überleben nur etwa zwei bis vier Prozent aller überwinternden Königinnen die kalte Jahreszeit. Von 1000 Wespenköniginnen, die in die Winterruhe gehen, schaffen es am Ende lediglich rund 20 bis 40 Tiere, im Frühjahr ein neues Volk zu gründen.3
Wie Wespen im Frühjahr wieder erwachen
Das Erwachen aus der Winterstarre geschieht nicht abrupt, sondern über viele Tage hinweg. Steigen im Frühjahr die Temperaturen und werden die Tage länger, startet der Organismus der Königin langsam wieder durch. Hormone fahren den Stoffwechsel Stück für Stück hoch, Atmung und Herzaktivität nehmen zu. Diese Übergangsphase ist flexibel: Wird es zwischendurch wieder kalt, kann die Königin jederzeit erneut in einen gedrosselten Zustand zurückfallen.
Erst wenn sich mehrere Tage lang stabile Temperaturen um die 15 Grad Celsius einstellen, endet die Diapause endgültig. Jetzt verlässt die Königin ihr Winterquartier und beginnt mit der Suche nach einem geeigneten Ort für ihr neues Nest. Ein neues Wespenjahr beginnt.
Warum im Winter manchmal eine große Wespe im Wohnzimmer auftaucht
Viele Menschen erschrecken, wenn im Januar oder Februar plötzlich eine riesige Wespe durchs Zimmer fliegt. Dabei handelt es sich fast immer um eine überwinternde Jungkönigin, die unabsichtlich geweckt wurde – häufig beim Reinholen von Brennholz oder beim Aufräumen in ungeheizten Räumen.
Gefährlich ist eine solche Königin kaum. Sie hat noch kein Volk, das sie verteidigen müsste, und denkt ausschließlich daran, zu überleben. Am besten setzt man sie vorsichtig in ein Glas und bringt sie in einen kühlen, ungeheizten Raum wie die Garage oder den Schuppen. Dort kann sie erneut in Starre fallen und ihre Überwinterung fortsetzen.
Fazit: Wespen überstehen den Winter dank genialer Überlebensstrategie
Obwohl jedes Wespenvolk im Herbst vollständig abstirbt, sorgt die Natur für beeindruckende Kontinuität: Die Jungköniginnen überleben dank einer perfekt abgestimmten Winterstarre, hormoneller Steuermechanismen und cleverer Versteckstrategien. Auch wenn nur ein winziger Bruchteil die Strapazen der kalten Monate übersteht – diese wenigen Tiere sind es, die im Frühjahr den Grundstein für die nächste Generation legen.
Wer also im Winter oder Frühjahr auf eine „Riesenwespe“ trifft, begegnet einer wahren Überlebenskünstlerin.
peta.de, „Die Wespe – 11 faszinierende Fakten über Wespen“ (aufgerufen am 4.12.2025) ↩︎
deutschewildtierstiftung.de, „Was machen Wildbienen und Wespen im Winter?“ (aufgerufen am 4.12.2025) ↩︎
aktion-wespenschutz.de, „Überwinterungsphase: Diapause / Winterstarre“ (aufgerufen am 4.12.2025) ↩︎
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