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ADHS bei Nelly Furtado: Warum die Diagnose manchmal erst im Erwachsenenalter feststeht und woran man es erkennt

Im Interview hat Nelly Furtado gerade verraten, dass sie ADHS hat. Doch warum wird die Krankheit manchmal erst im Erwachsenenalter diagnostiziert und was bedeutet das für Betroffene?

Menschen mit ADHS beschreiben die Krankheit oft als
Menschen mit ADHS beschreiben die Krankheit oft als "Chaos im Kopf". (Symbolfoto: Getty)

Im Interview mit dem Fault-Magazin hat die kanadische Sängerin Nelly Furtado verraten, warum es in letzter Zeit ruhiger um sie geworden war. Vor 18 Monaten sei bei ihr ADHS diagnostiziert worden, sagt die 44-Jährige darin, wobei sie davon ausgehe, dass die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung sie schon ihr ganzes Leben lang begleitet.

Dass es bis zur Diagnose so lange gedauert habe, sieht sie eher als Vor- denn als Nachteil. Heute sei sie reif genug, um nicht “übermäßig dramatisch“ darauf zu reagieren, sagt Furtado. Andere Erwachsene fühlen sich nach einer Diagnose wie erlöst. Denn auf einmal gibt es eine Erklärung für Probleme, die bis dahin ihren Alltag bestimmt haben. Doch wie äußert sich ADHS überhaupt?

Das sind die Symptome:

Bei ADHS gibt es drei charakteristische Hauptsymptome, die sich laut Krankenkasse Barmer folgendermaßen äußern können:

1) Hyperaktivität (übersteigerter Bewegungsdrang)

Betroffene

  • zappeln häufig mit Händen und Füßen oder rutschen auf dem Stuhl herum

  • stehen oft in Situationen auf, in denen Sitzenbleiben erwartet wird

  • laufen häufig herum in Situationen, in denen dies unpassend ist

  • haben häufig Schwierigkeiten, sich ruhig mit Freizeitaktivitäten zu beschäftigen

  • sind häufig "auf dem Sprung“ oder handeln oftmals, als wären sie "getrieben“

  • reden häufig übermäßig viel

2) Unaufmerksamkeit

Betroffene

  • lassen sich schnell durch äußere Reize ablenken

  • sind bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich

  • beachten häufig Einzelheiten nicht oder machen Flüchtigkeitsfehler

  • haben oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben aufrechtzuerhalten

  • scheinen häufig nicht zuzuhören

  • führen häufig Anweisungen nicht vollständig durch und bringen Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende

  • haben häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren

  • vermeiden oder beschäftigen sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, bei denen sie sich länger geistig anstrengen müssen

  • verlieren häufig Gegenstände wie Stifte, Bücher oder Werkzeuge, die sie für Aufgaben oder Aktivitäten benötigen

3) Impulsivität

Betroffene

  • unterbrechen und stören andere häufig

  • können häufig nur schwer warten, bis sie an der Reihe sind

Die Symptome können unterschiedlich stark ausgeprägt sein und müssen auch nicht gleichzeitig auftreten. Während Männer und Frauen gleichermaßen unter Aufmerksamkeitsproblemen leiden, zeigen sich bei Männern häufiger impulsive und hyperaktive Symptome als bei Frauen.

ADHS zeigt sich besonders in Umbruchphasen

Laut Barmer kann ADHS bei Erwachsenen nur zum Beispiel als Folge eines Unfalls neu auftreten. Bei allen anderen bestehen die Symptome schon immer und wurden in der Kindheit einfach nicht entdeckt beziehungsweise richtig gedeutet. Die Expertin Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn, erklärt der Krankenkasse, dass ADHS oft in Umbruchphasen diagnostiziert wird.

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Bei Kindern und Jugendlichen sei das oft im Alter zwischen elf und zwölf Jahren, wenn nach der Grundschule der Wechsel auf eine weiterführende Schule anstehe. Bei Erwachsenen gäbe es einen Diagnosepeak zwischen Ende 20 und Anfang 30. Kein Zufall, denn das sei die Zeit, in der es in Beruf und Familie oft große Veränderungen gebe, die Planung und Struktur erforderten. Und genau damit haben Betroffene Probleme.

Was sind die Auswirkungen von ADHS bei Erwachsenen?

Die Hauptsymptome sind bei Kindern wie Erwachsenen die gleichen, wobei ein besonders unorganisierter Lebensstil bei Erwachsenen mehr auffällt als im Kindesalter. Im Beruf können ADHS-Kranke unter Druck geraten, wenn sie immer wieder Termine vergessen oder ihre Arbeit nicht oder nicht rechtzeitig zu Ende bringen. Für Außenstehende würden sie dann als unzuverlässig gelten oder ihnen würde vorgeworfen, nicht zugehört zu haben, so die Expertin.

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Der Druck und die innere Unruhe führten dann dazu, dass Betroffene nicht abschalten können oder besonders impulsiv reagieren, was auch zu sozialen Problemen führen kann. Unter anderem sind Menschen mit ADHS auch anfälliger für Suchtverhalten und durch unüberlegtes Handeln gefährdeter für Unfälle.

Wohin bei Verdacht auf ADHS?

Erste*r Ansprechpartner*in kann der Hausarzt oder die Hausärztin sein. Laut offizieller Behandlungsleitlinie sollte aber ein Facharzt oder eine Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie oder psychosomatische Medizin aufgesucht werden. Spezielle Sprechstunden für ADHS bieten auch manche Universitätskliniken an. Zur Diagnose werden unter anderem spezielle ADHS-Fragebögen herangezogen.

Wie läuft die Behandlung ab?

Die Behandlung von ADHS kann so unterschiedlich ausfallen wie die Ausprägung und die damit verbundenen Probleme im Alltag. Manchen Betroffenen hilft eine sogenannte Psychoedukation, bei denen sie gezielt Strategien lernen, wie sie sich besser fokussieren und ihre Gefühle einschätzen können. Reicht das nicht aus, können Medikamente wie Amphetamine und Methylphenidat helfen, die dauerhaft eingenommen werden müssten.

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