Beauty-Weltweit: Von Chios bis Berlin. Mimycri machen Designertaschen aus alten Flüchtlingsbooten

Schön sind sie sicherlich nicht, diese alten Schlauchboote an Griechenlands Stränden. Noch weniger schön, ist der Gedanke an die gefährliche Flucht übers Mittelmeer. Ein junges Label aus Berlin will neue Hoffnung in der Krise schaffen und produziert Designertaschen aus alten Gummibooten – gemeinsam mit Geflüchteten.

Nora Azzaoui mit dem Mimycri Rucksack auf Chios. – Foto: Mimycri

Wir alle kennen die Bildern von den überfüllten Flüchtlingsbooten. Abgelegt: In Libyen, meistens. Destination: Europa, hoffentlich. Rund 62.500 Geflüchtete sind bisher in Griechenland gestrandet. Die Gummiboote, die die Flüchtenden dorthin bringen, enden oft als Plastikmüll an griechischen Stränden.

Der Mimycri Rucksack – schick, robust, nachhaltig. – Foto: Mimycri

An einem dieser Stände, auf der griechischen Insel Chios, entstand die Idee zu Mimycri. Das Berliner Label, gegründet von Vera Günther und Nora Azzaoui, produziert aus den alten Schlauchbooten Rucksäcke und Portemonnaies.

Mehrmals hatten die beiden Berlinerinnen sich mehrere Wochen auf Chios engagiert und Geflüchteten geholfen. Unter anderem säuberten sie die Strände von den nassen, weggeworfenen Klamotten, kauften eine große Waschmaschine und bereiteten die Kleidung wieder zum Tragen auf. Nur die Schlauchboote blieben ein Problem. Eigentlich schade, dachte Günther eines Tages. Das Material war ja robust. Also nahm sie ein kleines Stück davon mit nach Berlin und zeigte es einem befreundeten Designer. Kurz darauf entstand die erste Mimycri Tasche.

Die Gründerinnen Nora Azzaoui und Vera Günther. – Foto: Jean-Pierre Vicario

Heute arbeiten neun Menschen aus sieben Ländern bei Mimycri. Einer von ihnen, der Näher Abid Ali, ist ebenfalls mit dem Schlauchboot nach Europa gekommen.

Ist das nicht ein eigenwilliges Konzept, die alten Boote von der oft so gefährlichen Reise nun zu Designertaschen zu machen? „Gerade die Flüchtlinge erleben es ganz und gar nicht so“, sagte Co-Gründerin Günther im Interview mit enorm.

Näher Abid Ali kam selber mit dem Schlauchboot nach Deutschland. – Foto: Julian Voltmann

„Wir haben es am Anfang vor allem als Upcycling- und Integrationsprojekt gesehen.”, sagte Günther. Für die Geflüchteten selber jedoch sei es auch „eine Möglichkeit zu kommunizieren, was gerade passiert und Aufmerksamkeit für das Problem zu schaffen. Viele haben uns auch gesagt, wie schön es ist, dass die Boote nicht als Plastikmüll enden. Sie vollenden so auch sozusagen die Reise der Flüchtlinge.“

Ziemlich stylish – die Taschen von Mimycri. – Foto: Annika Nagel

Zur Berliner Zeitung sagte Näher Abid Ali, dass er bei der Arbeit mit den Schlauchbooten nicht an seine Flucht denke. „Ich bin einfach froh, dass ich einen Job habe.“

Co-Gründerin Azzaoui würde Geflüchteten gerne noch mehr Arbeit anbieten. Und natürlich sollen die Menschen eines Tages davon leben können.

Ein Portemonnaie aus Schlauchboot-Resten. – Foto: Annika Nagel

Und was bedeutet der Begriff Mimycri nun genau? Auch das verriet Vera Günther der Berliner Zeitung. Mimycri ist „Wenn zum Beispiel ein Insekt „so tut“, als wäre es eine Pflanze. Im Bezug auf unser Projekt spiegelt dieses Wort die übergreifende Idee vom „Perspektivenwechsel“ wieder. Schlauchboote können zukünftige Taschen sein, Flüchtlinge Freunde oder Kollegen.“

Ein Haufen alter Schwimmwesten auf der Insel Chios. – Foto: Mimycri

Ein schönes Projekt und ein noch schöneres Zeichen. Selbst der größten Not gewinnt Mimycri noch Hoffnung ab. Im enorm Interview fasste Günther es so zusammen: „Wir versuchen, eben nicht zu kapitulieren. Wir tun das, was wir können – und wollen so ein politisches Statement auf eine andere Art und Weise kommunizieren, völlig ohne erhobenen Zeigefinger. Wir wollen damit auch unser eigenes Ohnmachtsgefühl bekämpfen.“ (ah)

„Schlauchboote können zukünftige Taschen sein, Flüchtlinge Freunde oder Kollegen.“ – Foto: Annika Nagel

Fotos: Annika Nagel, Jean-Pierre Vicario, Julian Voltmann, mimycri

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