Aktuelle Buch-Kritiken: Carsten Maschmeyer, Ror Wolf, Marc Raabe, Michael Kohtes

Der Scheck-Check

Denis Scheck Buch-Tipps Michael Kohtes Marc Raabe Ror Wolf Carsten Maschmeyer


SCHECK EMPFIEHLT
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Michael Kohtes: "365 Tage. Ansichten von K" (Greven Verlag, 174 S., 19.90 €)
Da liest man die Essays von Montaigne und denkt sich, wie wunderbar es doch ist, einem so radikal denkenden Gehirn bei der Arbeit zusehen zu dürfen; stillschweigend fügt man hinzu: heute läßt sich so natürlich nicht mehr schreiben. Und dann liest man dieses taufrische Buch eines urbanen Wünschelrutengängers mit dem schön doppeldeutigen Titel „Ansichten von K", in dem weniger Kafka mitschwingt als Kohtes Ansichten von Köln, und merkt: geht doch. So ein Straßenfußball der Philosophie ist auch heute noch möglich, wer sagt denn, daß es nach Wilhelm Genazino und Peter Kurzeck keine Flaneure in der deutschen Gegenwartsliteratur mehr geben kann? Ein Jahr im Leben einer deutschen Großstadt ist der Stoff dieses Buchs, Kohtes Wahrnehmungssystem seine Methode. Seit Franz Hessel und Walter Benjamin ist niemand mehr mit so hellwachem Blick, scharfem Verstand und wortgewaltiger Beschreibungsfähigkeit durch eine Großstadt gegangen. „Im Halbdunkel ist kaum auszumachen, ob die Paare tanzen oder kopulieren." Solche Sätze könnten in jeder Reportage einer Zeitgeistpostille stehen; die Kunst von Michael Kohtes entsteht durch die Verknüpfung solcher Sätze mit mal dem Kalauer („Mühsam entleert sich das Eichhörnchen …"), mal dem Aphorismus verwandter Sentenzen: „Sonntagabends durch die herbstlichen Vorstadtstraßen zu gehen ist wie den Baum suchen, an dem man sich aufhängen will." Eine Schule der Wahrnehmung, ein Diskurssampler, ein Buch für Menschen, die nach einigen Jahren im Ausland zurück nach Deutschland kommen und wissen wollen, wie hier gedacht, gelebt und geliebt wird.

Marc Raabe: „Schnitt" (Ullstein, 447 S. 14.99 €)
Marc Raabes erstaunliches Debüt im Genre des Psychothrillers besticht durch sein großes Gespür für die Stimmigkeit des Settings in der Medienbranche und verblüffender Sicherheit in der Charakterisierung. Ein kleiner Junge erfährt Ende der 70er Jahr eine Traumatisierung, als er zufällig die Videoaufnahme eines brutalen Mords sieht. Er wählt sich Luke Skywalker aus „Star Wars" als Mentor im Kampf gegen das allmächtige Böse — nur um 30 Jahre später in Berlin herauszufinden, dass seine Kindheitsängste mehr als berechtigt waren und es jenseits des dunklen Vaters Darth Vader noch weit abgründigere Dunkelmänner zu fürchten gilt.

Ror Wolf: „Das nächste Spiel ist immer schwerste" (S. Fischer, 297 S. 12,95 €)
Keiner hat das Wortfeld des Fußballs so ertragreich beackert wie der geniale deutsche Schriftsteller Ror Wolf. Ende Juni wird er 80 - und an ein Überstehen des medialen Irrsinns namens Fußball-Europameisterschaft ohne dieses Hausbuch mit Wolfs brillanten Fußballtexten und O-Ton-Collagen aus der Bundesligakonferenz im Radio ist nicht zu denken. Schon 1970 hat Wolf etwa in „Der letzte Biß" die latente Sexualisierung der Standardsituationen in Fußballreportagen aufs Korn genommen — und musste dazu kein Wort erfinden oder hinzufügen: „Vorne war alles offen, Lutz war eingedrungen, er hatte endlich das Loch gefunden, denn Hertha zeigte auf einmal erschreckende Blößen, Emma wälzte sich auf der Linie im Schlamm, doch in diesem Moment befreite sich Hertha aus der Umklammerung, Lotte schüttelte Friedrich ab, Emma zog sich zurück, doch der Dicke stieß nach in die Tiefe …" Eine Traumpartie.

SCHECK RÄT AB:

Carsten Maschmeyer: „Selfmade" (Ariston Verlag, 384 S. 19,99 €)
In den 70er Jahren eroberte der Österreicher Josef Kirschner die deutschen Bestsellerlisten mit Büchern, deren Titel Programm waren: „Manipulieren, aber richtig", „Die Kunst, ein Egoist zu sein" und „Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner." Eine Neuauflage dieser sozialdarwinistischen Volksbibeln bietet nun der als Finanzberater reich gewordene Carsten Maschmeyer, indem er seine Memoiren als im Billy-Graham-Sound berichtetes, mit schwer erträglichen Erfolgsformeln versetztes Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied-Märchen erzählt. Möglich, dass man so zu Geld kommt; zu Geist nicht.