Kindererziehung: Kann schon ein kleiner Klaps ernste Folgen haben?

Hannah Meister

Kinder können ihre Eltern schon manchmal an die eigenen Grenzen bringen — vor allem an die der Geduld und Selbstkontrolle. Wenn auch die zehnte Ermahnung auf taube Ohren stößt, kann so schon mal die Hand ausrutschen. Während körperliche Züchtigung früher als Teil der Erziehung angesehen wurde, hält sich auch die Meinung "Ein kleiner Klaps auf den Po hat noch niemandem geschadet" bis heute hartnäckig. Doch ist das wirklich so?

Körperliche Bestrafung kann sich schädigend auf die Entwicklung des Kindes auswirken (Bild: thinkstock)
Körperliche Bestrafung kann sich schädigend auf die Entwicklung des Kindes auswirken (Bild: thinkstock)

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Seit dem Jahr 2000 ist das Recht von Kindern auf eine gewaltfreie Erziehung gesetzlich verankert: "Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig", heißt es in Paragraph 1631 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Die sozialwissenschaftliche, psychologische und medizinische Forschung beschäftigt sich ebenfalls seit Jahrzehnten mit den Aspekten und Auswirkungen körperlicher Gewalt in der Erziehung.

Auch der Thüringer Diplom-Pädagoge und praktizierende Kinder- und Jugendpsychotherapeut Thomas Wagner rekurriert auf diese Ergebnisse: "In aktuellen Studien konnte nachgewiesen werden, dass bei Erleben dauerhafter, nachhaltig schädigender Aggression ein erhöhtes Risiko besteht, psychisch, psychosomatisch und in diesem Sinne auch physisch zu erkranken - vor allem, wenn Gewalt schon im frühen Kindesalter erlebt wurde. Die Plastizität der neuronalen Gehirnstruktur kann durch dieses Erleben und mit den verbundenen Affekten in seiner Entwicklung nachteilig manipuliert werden. Es gibt aber auch den Faktor der Resilienz. Dieser Faktor beschreibt die Widerstandfähigkeit eines Menschen, psychisch wie physisch zu erkranken. Bei jedem Individuum ist dieser Faktor unterschiedlich ausgeprägt. So gibt es stark misshandelte Kinder mit hohem Resilienzfaktor, die nicht an ihren Traumata erkranken, andere Kinder mit äußerst niedrigem Resilienzfaktor wiederum erkranken bei kleinsten Störungen in ihrer näheren psychischen Umgebung."

Die kanadische Fachzeitschrift "Canadian Medical Association Journal" widmete sich Anfang Februar 2012 der Analyse von Forschungsergebnissen der letzten 20 Jahre zu diesem Thema. Danach ist das Ausüben körperlicher Bestrafung ausnahmslos mit potentiell entwicklungsschädigenden Auswirkungen verbunden. So fassen die Autoren Joan Durrant und Ron Ensom noch einmal geballt zusammen, dass physische Gewalt bei Kindern nicht nur mit einem höheren Maß an Aggressivität in Zusammenhang steht, sondern auch mit psychischen Problemen, wie Depression oder Drogen- und Alkoholkonsum einhergehen kann.

Des Weiteren kann schon der nicht selten verharmloste Klaps auf den Po ebenfalls Auswirkungen auf die Intelligenzentwicklung des Kindes haben, wie eine Studie an der Universität New Hampshire ergab. Die Ergebnisse einer vier Jahre lang durchgeführten Untersuchung zeigten, dass sich Kinder, die körperlicher Bestrafung ausgesetzt waren, geistig langsamer entwickelten und einen durchschnittlich niedrigeren IQ aufwiesen als Gleichaltrige, bei denen das nicht der Fall war.

Gerade weil die Bedeutung eines "kleinen Klapses" oftmals bagatellisiert wird, muss eine Erziehungsmaßnahme wie diese differenziert betrachtet werden: "Die Schädlichkeit eines Klapses variiert mit der Intensität, Häufigkeit sowie dem Kontext der jeweiligen Situation und wie diese vom 'Empfänger' bewertet werden. Ebenfalls entscheidend ist, wie die Beziehung zwischen 'Schlagendem und Geschlagenem' generell gestaltet ist", führt der Kinder- und Jugendtherapeut weiter aus.

Die Gründe, weshalb Eltern die Hand ausrutschen kann, können mannigfaltig sein, wie Thomas Wagner aus seiner Praxis zu berichten weiß: Vom eigenen Erleben in der Kindheit über Affekthandlungen, wenn sich das Kind möglicherweise in bedrohliche Situationen bringt, bis hin zu Überforderung und Hilflosigkeit, Stresssituationen adäquat zu bewältigen.

Eltern sollten ihren Kindern Fehlverhalten verbal statt körperlich deutlich machen (Bild: thinkstock)
Eltern sollten ihren Kindern Fehlverhalten verbal statt körperlich deutlich machen (Bild: thinkstock)

Dass Kindern jedoch ganz klare Grenzen aufgezeigt werden müssen, steht außer Frage. Doch Bestrafung kann und soll definitiv ohne Schlagen auskommen. Damit sie wirksam ist, rät Wagner zu Geradlinigkeit: "Erziehung besteht zu einem gewissen Anteil aus dem Herstellen von Konsequenzen bei erwünschtem bzw. unerwünschtem Verhalten. Sowohl Lob als auch Tadel sollten möglichst unmittelbar auf das entsprechende Verhalten folgen, damit der Zusammenhang von Ursache und Wirkung für das Kind nachvollziehbar wird. Bei mehrmaliger Wiederholung 'lernt' das Kind dann unbewusst das erwünschte bzw. zu unterlassende Verhalten."

Dass Erziehung ohne Schlagen vonstatten gehen sollte, davon ist Thomas Wagner überzeugt: "Durch Liebe, angemessene Kommunikation, Verstehen und Verstanden-werden sowie durch klare, adäquate Grenzsetzungen und Konsequenzen kann man weit mehr erreichen als durch Schlagen. Kinder lernen ihre Grenzen vor allem kennen, indem sie erleben, wie ihre Bezugspersonen die eigenen Grenzen wahren."

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