Fragwürdiger Plus Size-Trend: „Models werden auf die Konfektionsgröße 38 ausgestopft“

Anne Borchardt
Managing Editor Yahoo Style & Entertainment
Kurvenrausch-Gründerin Tanja Marfo und Blogger Riccardo Simonetti auf den “Plus Size Fashion Days”. (Bild: Yahoo Style)

Endlich! Die Kurvenrausch-Gründerin Tanja Marfo hat im Rahmen der Berlin Fashion Week das erste und einzige große Event zum Thema „Plus Size“ veranstaltet. Im Interview erzählt die 38-Jährige von den absurden Tricks der Fashion-Welt und vom gefährlichen Photoshop-Perfektionismus.

Wir erinnern uns gerne an die Sängerin Beth Ditto, die vor einigen Jahren bei Jean Paul Gaultier über den Pariser Laufsteg fegte. Denn: Auf den Fashion Weeks sind Plus Size-Models immer noch eine absolute Ausnahme. Das möchte Kurvenrausch-Gründerin Tanja Marfo gerne ändern und veranstaltet mit ihren „Plus Size Fashion Days“ Castings für Frauen und Männer mit Größen fernab der Runway-Standards. Dafür bekommt die 38-Jährige unter anderem Unterstützung von Riccardo Simonetti, einem der etabliertesten Blogger und Influencer Deutschlands. Wir haben die Frau zum Interview getroffen, die Plus Size auf der Berlin Fashion Week endlich zu einem Thema gemacht hat.

Yahoo Style: Ihre “Plus Size Fashion Days” sind vor allem in Hamburg und München bekannt. Nun sind Sie zum ersten Mal in Berlin vertreten…

Tanja Marfo: Ja, es ist die erste Kurvenrausch Plus Size Lounge überhaupt. Ich veranstalte die Plus Size Fashion Days und auch Castings regulär in Hamburg und manchmal auch in München und anderen Orten. Aber hier auf der Fashion Week ist es mein erstes Event, das ich mit Happy Size umsetzen durfte. Die Idee habe ich schon seit 2014 im Kopf, aber leider hat niemand verstanden, warum wir gerade auf der Fashion Week mehr denn je präsent sein müssen.

Warum war es Ihnen denn so wichtig, das Event während der Berlin Fashion Week auszurichten?

Mein größter Traum wäre es ja, eine Show im E-Werk mit großen oder gemischten Größen zu zeigen. Das wäre eine wichtige Errungenschaft – etwas ganz Tolles, was man sich auf die Fahne schreiben könnte. Für mich war aber auch schon der Eintrag im Kalender der Fashion Week ein wichtiger Schritt.

Was halten Sie von dem Trend Body Positivity, der seit eineinhalb Jahren nicht nur ein Hashtag, sondern eine Lebenseinstellung ist, die von vielen gefeiert wird?

Ich glaube, dass Wörter wie Body Positivity oder Diversity (engl. für Diversität, Vielfältigkeit) momentan etwas überreizt sind. Viele haben das Gefühl, dass Plus Size gerade ein Trend ist, aber es ist mehr als das. Schließlich trägt 60 Prozent der Bevölkerung die Konfektionsgröße 42 und größer.

Zum Thema „Diversity“: Haben Sie auf der Fashion Week etwas gesehen, was in diese Richtung geht?

Leider wenig. Das, was wir unter „Diversity“ verstehen – nämlich verschiedene Hautfarben oder Größen – habe ich bislang nicht gesehen. Ich glaube bei Lascana gab es ein kurviges Model auf dem Laufsteg, das war es aber auch schon. Somit richten wir die einzige Veranstaltung der Fashion Week aus, auf der Plus Size zu sehen ist.

Unternehmen wie Asos zeigen seit neuestem auch Models mit Speckröllchen oder unrasierten Achseln. Sollte das zum Standard werden?

Unsere Augen sind an Photoshop-Perfektionismus gewöhnt und die meisten finden es komisch, wenn sie große Größen, Dellen oder blaue Flecken sehen. Je mehr wie diese Seh-Gewohnheiten ändern können, umso besser.

Diversity: ASOS verkauft Kleidung für Modefans mit Behinderung

Haben Sie die letzte Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ gesehen?

Nein, das sehe ich mir nicht an, weil es mir zu anstrengend ist. Aber ich weiß, dass dort ein Model mit Konfektionsgröße 38 gelaufen ist.

Ich habe Pia bei einem Interview kennengelernt und würde sagen, dass sie eher eine glatte 36 trägt. Was denken Sie darüber, dass sie bei GNTM als Plus Size-Model gefeiert wurde?

Offiziell beginnt Plus Size ab der Konfektionsgröße 38. Es gibt tatsächlich Models, die auf eine 38 ausgestopft werden – es werden also Pads am Hintern und an den Oberschenkeln angebracht, weil die Fesseln und das Gesicht trotzdem schlank sein sollen. Das finde ich äußerst beunruhigend, weil eine normale Frau das nicht verstehen kann.

In der Galerie: Die GNTM-Teilnehmerinnen bei der Berlin Fashion Week

Meiner Meinung nach sollten Models Konfektionsgrößen 42 bis 44 – also die Standardgrößen der normalen Frau – tragen. Ich finde es absurd, dass diese Größen unter Plus Size laufen. Auf dem Catwalk sehen wir die Konfektionsgröße 32, was für Frauen, die so groß sind, sehr schwierig zu halten ist.

Hier findet ja gerade ein Casting für Plus Size-Models statt – worauf achten Sie?

Ich achte auf die Ausstrahlung und darauf, ob sich die Frauen gut bewegen können. Man erkennt in zehn Sekunden, ob jemand eine falsche Haltung hat. Außerdem ist es mir wichtig, dass die Frau keine Angst hat und es ihr Spaß macht.

Welche Tipps haben Sie für Frauen, die vor dem Casting extrem nervös sind?

Verstellt euch nicht, seid stolz auf euch und habt euch lieb.

Konnten Sie selbst dieses Motto schon immer leben?

Es gab den Punkt, an dem ich beschlossen habe, nie wieder eine Diät zu machen. Mein Gewicht ist nicht mehr relevant für mich – egal, ob ich zu- oder abnehme. Für mich ist es wichtig, dass ich glücklich und gesund bin und ein erfülltes Leben habe – das ist nur mit Selbstliebe möglich.

Alle Highlights der Berlin Fashion Week 2018 gibt es hier!