Kommentar: Immer alle auf Meghan - es reicht mit dem Bashing

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Mit dem Megxit ist es nur noch salonfähiger geworden, auf alles draufzuhauen, was von Herzogin Meghan an die Öffentlichkeit dringt. Das muss aufhören.

Ein Kommentar von Jennifer Caprarella

BELFAST, NORTHERN IRELAND - MARCH 23:  Prince Harry and Meghan Markle visit Catalyst Inc, Northern Ireland’s next generation science park, to meet young entrepreneurs and innovators on March 23, 2018 in Belfast, Nothern Ireland.  (Photo by Chris Jackson - Pool/Getty Images)
Herzogin Meghan ist ein beliebter Sandsack der Presse - Kritik muss sich jemand, der in der Öffentlichkeit steht, auch gefallen lassen, jedoch fehlt der die Sachlichkeit (Bild: Chris Jackson - Pool/Getty Images)

Erinnert ihr euch noch an die erste offizielle Bestätigung, dass Prinz Harry und die amerikanische Schauspielerin Meghan Markle ein Paar sind? Von einer “überschrittenen Grenze” war darin die Rede, von “Beleidigungen und Schikane”, die sich Harrys Freundin von der Presse gefallen lassen musste. Er sei “tief enttäuscht”, dass er sie nicht beschützen konnte, hieß es in dem außergewöhnlichen Royal-Statement. Schon das hätte als Warnung gelten müssen, dass Harry seine spätere Ehefrau aus der Schusslinie der Öffentlichkeit ziehen würde, sollte dies nötig werden. Und als Warnung für die Presse zu fairer Berichterstattung und Sorgfaltspflicht.

Diese Warnung wurde nicht erhört. Während ihrer gesamten Zeit als Mitglied des britischen Königshauses waren die Schlagzeilen über Meghan unangemessen negativ gefärbt. Selbst Banalitäten wie die Tatsache, dass eine werdende Mutter die Hände auf ihren Babybauch legt – eine Geste, die bei Kate noch verzückt bewundert wurde – war Meghan als Eitelkeit ausgelegt worden.

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Ist es da ein Wunder, dass sie den Royal-Zirkus hinter sich lassen wollte? Allerdings scheint es damit nur noch gesellschaftsfähiger geworden zu sein, auf alles draufzuhauen, was aus dem Hause Sussex nach außen dringt. Und sei es nur der Name der neuen Tochter von Harry und Meghan. Lilibet ist schließlich der Spitzname von Elizabeth II. – ein Affront für viele Royalisten. Wie die Queen selbst darüber denkt, weiß man nicht, denn die Monarchin behält jegliche Meinung und Emotion wie gewohnt für sich. Lediglich Royal-Experten sind felsenfest überzeugt, dass die Queen stinksauer ist.

Derartig unreflektierte Berichterstattung – Royal-Experte ist schließlich ein ebenso wenig geschützter Begriff wie Doula oder Coach und sagt nichts darüber aus, ob die Person tatsächlich Kontakte zum Palast hat oder lediglich gerne “The Crown” guckt – findet sich nicht nur in der britischen Presse – und auch in unserem Yahoo-Kosmos finden sich Artikel, die sich der Kritik nicht gänzlich entziehen können. Die Reue kommt meist erst spät: Sängerin Amy Winehouse war eine beliebte Witzfigur der Presse, bis man sich nach ihrem Überdosis-Tod daran erinnerte, dass Sucht eine ernstzunehmende Störung ist.

Die Botschaft des Interviews ging verloren

Freilich haben sich Harry und Meghan mit ihrem amerikanisch-emotional aufbereiteten Oprah-Interview und einigen seitherigen Aussagen nicht unbedingt einen Gefallen getan. Dass es darauf gerade aus Großbritannien negatives Medienecho geben würde, war zu erwarten, denn sonderlich kritikfähig ist die gefallene Kolonialmacht ohnehin nicht – schon gar nicht, wenn es um ihre geliebte Institution der Monarchie geht. Ob es nun guter Ton ist, seine Familie öffentlich zu kritisieren, sei dahingestellt – in jedem Fall sollte das nicht das Einzige sein, was von ihren Aussagen übrigbleibt, sondern auch das, was sie damit erläutern wollten.

Womöglich hatten die abtrünnigen Royals sich erhofft, dass ihre Botschaft in dem wütenden Aufschrei danach nicht gänzlich verloren gehen würde: Harry hat seine Familie mit dem “Megxit” in Sicherheit bringen wollen. Denn Meghan ging es im Scheinwerferlicht der Royal Family schlecht – so schlecht, dass sie Selbstmordgedanken hatte. Dies abschätzig vom Tisch zu wischen ist nicht nur für die betroffene Person ein Schlag ins Gesicht, sondern auch für alle anderen Menschen mit psychischen Krankheiten, die sich oft aus Angst vor Geringschätzung und Stigma nicht anvertrauen wollen.

Anmerkung der Redaktion: Suizidgedanken sind häufig eine Folge psychischer Erkrankungen. Letztere können mit professioneller Hilfe gelindert oder geheilt werden. Wer Hilfe sucht, auch als Angehöriger, findet sie etwa bei der Telefonseelsorge unter der Rufnummer 0800 – 1110111 und 0800 – 1110222. Die Berater sind rund um die Uhr erreichbar, jeder Anruf ist anonym und kostenlos.

Ohne “die Firma” im Rücken haben sie selbst die Kontrolle, wie viel oder wenig sie im Rampenlicht stehen wollen. Dass sie dies weiterhin tun, macht die beiden natürlich weiterhin angreifbar – und doch ist es vor allem Meghan, die als Sandsack der Presse verwendet wird. Jüngstes Beispiel: Die Veröffentlichung ihres Kinderbuches “The Bench”.

Kritik ist berechtigt – aber wie?

Auf Amazon wird weniger das Buch rezensiert als die Autorin. Dass sich Meghan damit “die Taschen füllen wollte” sagt ebenso wenig über die Qualität des Werkes aus wie “so flach wie die Autorin”. Gleichermaßen voreingenommen sind Kunden, die “einfach alles an Meghan lieben” - und damit unweigerlich auch ihr Buch. Und was lässt sich von “Sie ist so eine starke, inspirierende Frau” schon auf das Buch eben jener starken Frau schließen?

Meghan vermarktet ihr Buch weiterhin als Herzogin von Sussex - ein Titel, den sie weiterhin tragen darf. Damit darf sich ebenso kritisch auseinandergesetzt werden wie mit dem Buch - die Frage ist, wie (Bild: Leon Neal/Getty Images)
Meghan vermarktet ihr Buch weiterhin als Herzogin von Sussex - ein Titel, den sie weiterhin tragen darf. Damit darf sich ebenso kritisch auseinandergesetzt werden wie mit dem Buch - die Frage ist, wie (Bild: Leon Neal/Getty Images)

Allerdings sind auch nicht alle professionellen Rezensionen zu Meghans Kinderbuch immer vollkommen ungefärbt von dem royalen Chaos der vergangenen Monate. Die “Daily Mail”, für die ausgerechnet Piers Morgan – jener Berufs-Querulant, der sich als Moderator von “Good Morning Britain” so oft und so beleidigend über Meghan geäußert hatte, dass er schließlich seinen Job verlor – rezensierte, wollen wir dabei mal ganz außen vorlassen. Eine ehemalige Kinderbuch-Verlegerin, die für die “Irish Times” schrieb, ließ sich erstmal einen Absatz lang über Sarah Fergusons “Budgie: The Little Helicopter” aus, bevor sie Meghans “The Bench” ähnlich verriss und sogleich orakelte, dass deren nächstes Buch, das nach der Geburt von Lilibet unweigerlich folgen müsse, ebenso schlecht werden würde. “The Telegraph” schreibt von einem “nur halbwegs gebildeten Eitelkeits-Werk, das Harry das Baby überlässt”.

Stöbert man in den seriösen Kritiken englischsprachiger Publikationen, fällt das Urteil gemischt aus. Von “The Times” wurde das Buch “ohne gute Geschichte und grundlegenden Rhythmus” gnadenlos verrissen, “The Standard” hingegen lobte das “tröstliche, liebevolle, wenn auch ein wenig kitschige” Werk und die süßen Illustrationen. “The Independent” las das Buch zusammen mit einer Gruppe von Kindern und kam zu dem Schluss, dass Erwachsene dem Buch womöglich mehr abgewinnen können als die Kleinen. Die “Times” fand zwar auch äußerst bissige Worte, die jedoch nicht auf Meghan als Mensch zielten, sondern lediglich ihr Talent als Autorin.

Wenn es also möglich ist, sich mit dem Werk einer Person sachlich auseinanderzusetzen, geht das nicht auch bei der Person selbst? Kritik üben muss erlaubt sein, ob nun an der veralteten Institution der Monarchie oder der Tatsache, dass sich jemand davon aus dem Staub machen will, ohne auf gewisse Privilegien derselben zu verzichten. Das endlose, geistlose, empathielose Draufhauen auf eine Frau, deren größtes Verbrechen es ist, ihre psychische Gesundheit zu schützen, muss jedoch aufhören.

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