Jede 3. Frau: Warum Fehlgeburten immer noch ein Tabuthema sind

Niemand spricht darüber – dabei erleidet jede dritte Frau in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft eine Fehlgeburt. Ich bin eine von ihnen.

Jede dritte Frau erleidet in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft eine Fehlgeburt (Symbolbild: Getty Images)
Jede dritte Frau erleidet in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft eine Fehlgeburt (Symbolbild: Getty Images)

Als mir der Arzt sagte, dass das Baby für diese Schwangerschaftswoche viel zu klein sei und er keinen Herzschlag hören könne, dachte ich, dass das nicht sein kann. Schließlich hatte ich erst ein halbes Jahr zuvor bereits eine Fehlgeburt gehabt und außerdem fehlte mir nur noch eine Woche, um die "kritischen“ 12 Wochen zu überstehen. Das passierte doch nicht allen Ernstes, dachte ich.

In der 11. Schwangerschaftswoche war mein Baby also tot – und ich konnte es – außer meinem Mann – niemanden sagen. Denn wir wollten es die ersten drei Monate erst mal für uns behalten und über Fehlgeburten spricht man ja auch nicht. Schicksalsschläge rund um das Thema Kinderkriegen sind nach wie vor Tabuthemen. Und das, obwohl so viele betroffen sind: Laut Informationen des Berufsverbandes der Frauenärzte e. V. erleidet jede dritte Frau vor der 12. Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt.

Auch Natascha Sagorski, Autorin von "Jede 3. Frau“, ist eine von ihnen. In ihrem Buch erzählt sie neben vielen anderen Frauen von ihrer Schwangerschaft ohne Happy End – und wie sie danach trotzdem ihren Weg fand. Doch warum sind Fehlgeburten eigentlich nach wie vor ein Tabuthema?

"Wie häufig Fehlgeburten sind und was genau eine Fehlgeburt überhaupt ist, das gehört bei uns immer noch nicht zum Allgemeinwissen. Mir ging es ja genauso. Als ich mein Baby verloren hatte, dachte ich erst, ich bin diese EINE Frau, der das passiert ist. Dachte, dass alle anderen in meinem Umfeld einfach eine easy Schwangerschaft hatten und alles super lief. Gefühlt war nur ich diese eine Ausnahme. Diese eine Frau, die es nicht geschafft hatte, ihr Kind auszutragen“, sagt Natascha Sagorski im Interview mit Yahoo Style.

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(Bild: Amazon)
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"Dass das völliger Blödsinn war und es auch in meinem direkten Umfeld viele Fehlgeburten gab, das habe ich erst später herausgefunden. Und ich glaube, so geht es vielen Frauen. Viele trauen sich nicht, darüber zu sprechen, weil sie nicht wissen, dass das Thema so viele betrifft, sich auch leider oft schämen. Wozu es aber keinen Grund gibt.“

"Keine von uns ist schuld daran“

Geschämt habe ich mich nicht. Ich hatte aber wie Natascha das Gefühl, dass es nur mir so ging. Dass ich die Einzige bin, der so etwas passiert. Warum hätte ich also darüber reden sollen? "Genau deswegen. Damit Frauen, die dasselbe erleben müssen, wissen, dass sie nicht alleine sind. Fehlgeburten passieren jeden Tag, in Deutschland und auf der ganzen Welt. Es kann mich treffen, meine Nachbarin, die nette Frau aus dem Yogakurs oder Prominente wie Britney Spears. Und keine von uns ist schuld daran“, erklärt Sagorski, Kolumnistin und Moderatorin für verschiedene Magazine sowie die ProSieben-Sendung taff.

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Jede dritte Frau erleidet eine Fehlgeburt. Für Ärzte ist das absoluter Alltag und völlig normal, für die einzelne Mutter bricht dagegen eine Welt zusammen. "Aber je mehr von uns darüber sprechen und sich gegenseitig Halt und Mut geben, desto weniger Frauen werden das Gefühl haben, völlig alleine und schuld zu sein. Außerdem ist es oft die beste Therapie, sich zu öffnen und mit anderen auszutauschen“, sagt die Autorin.

Das war auch der Beweggrund für sie, "Jede 3. Frau“ zu schreiben. Ihr selbst haben Erfahrungsberichte von anderen Frauen in der Trauerphase dabei geholfen, daran zu glauben, dass auch sie wieder lachen werde. Es hat ihr Kraft gegeben, von anderen Frauen zu lesen, die dasselbe erlebt hatten, aber wieder aus dem Tal der Trauer herausgefunden haben. Und solche Geschichten wollte sie in einem Buch sammeln und aufschreiben. Auch das war nochmal eine sehr hilfreiche Erfahrung für sie und auch für die Frauen, die sie interviewt hatte.

Eine Fehlgeburt zu verarbeiten, ist nicht einfach – vor allem nicht, wenn man nicht darüber sprechen kann (Symbolbild: Getty Images)
Eine Fehlgeburt zu verarbeiten, ist nicht einfach – vor allem nicht, wenn man nicht darüber sprechen kann (Symbolbild: Getty Images)

Fehlgeburten sind so häufig, dass sie Routine sind

Als ich bei der Ausschabung in einer ambulanten Klinik war, hatte ich das Gefühl, dass die Frauen dort wie an einem Laufband abgefertigt wurden. Eine nach der anderen. Wie Sardinen lagen wir aneinandergereiht in einem großen, sterilen Raum und waren lediglich durch einen Vorhang voneinander getrennt. Nach der OP setzte sich der Arzt zu jeder von uns – für genau zwei Minuten. Was man zu hören bekam? Man wurde lediglich über die möglichen Folgen der OP aufgeklärt. An die kann ich mich ehrlich gesagt aber nicht mehr erinnern. Denn sie verschwammen in dem Moment, in dem der Arzt sie aussprach. Was ich allerdings genau hören konnte und was heute noch irgendwie nachhallt, sind die Worte der Schwester, die danach zu mir kam: "Hier haben Sie ein paar Binden, danach können Sie sich anziehen und nach Hause gehen“. Es gab keine Aufmunterung, keinen Trost, nichts. Ich konnte danach nur noch heulen.

"Auch, wenn das in der Öffentlichkeit fast niemand weiß: Fehlgeburten und Ausschabungen (alleine das Wort ist grausam) sind leider so häufig, dass sie in Kliniken und Praxen meist absolute Routine sind. Und das spüren viele Frauen dann auch. Leider gibt es keine einheitlichen Richtlinien wie mit Frauen in einer solchen Situation umgegangen werden soll“, betont Sagorski. Ganz besonders schlimm war es für sie, dass sie auf derselben Station lag wie viele Frauen, die gerade entbunden hatten. "Ich weiß noch, wie ich den Treppenaufgang mit lauter Schwarz-Weiß-Aufnahmen von süßen Babys hochgehen musste. Oder wie eine der Krankenschwestern in unser Zimmer kam und freudestrahlend berichtete, dass gerade ein Baby per Kaiserschnitt geholt wurde. Ich kam mir vor wie ein einem furchtbar schlechten Film“, sagt die PR-Beraterin, die heute mit ihrem Mann und zwei Kindern in München lebt.

Wie kann man Betroffenen helfen?

"Es müsste viel mehr Trainings für Ärzte und Fachpersonal geben, damit es ihnen leichter fällt, in solchen Situationen die nötige Empathie zu zeigen. Und auch zu informieren“, findet Sagorski. Denn, dass Frauen auch bei Fehlgeburten eine Hebammenbetreuung zusteht, sagen viele Ärzte den Müttern nicht einmal. Genauso wenig wie oft nicht auf Sternenbestattungen hingewiesen wird, selbst wenn sie stattfinden. "Die Klinik, in der ich die Ausschabung hatte, bietet zum Beispiel einmal im Quartal solche Zeremonien an, das hatte mir aber damals niemand gesagt“, so die Autorin.

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Das Geschehene zu verarbeiten, ist für viele Frauen schwierig. Denn sie müssen meist erstmal realisieren, dass das kleine Wesen in ihrem Bauch nicht mehr da ist. Natascha Sagorski war wie in einem Tunnel. Mit der Zeit begann sie, darüber zu sprechen, erst mit ihrem Mann, dann auch mit der Familie, Freunden und dem weiteren Umfeld. Irgendwann war sie soweit, dass sie sogar im Kosmetikstudio ganz ehrlich sagte, warum sie den letzten Termin nicht wahrnehmen konnte.

"Und fast immer war die Reaktion 'Oh, ich/meine Freundin/Kollegin/Schwester/Mutter hatte auch eine Fehlgeburt.' Das hat so gutgetan, zu sehen, dass man nicht alleine ist und sich austauschen kann“, erzählt sie. Einen solchen Austausch bieten auch viele Sternenkindervereine in ganz Deutschland an. Dort können Betroffene miteinander und auch mit Trauerbegleitern sprechen. "Ich würde auch jeder Frau raten, sich schon nach dem positiven Schwangerschaftstest eine Hebamme zu suchen und im Fall der Fälle dann Unterstützung durch diese anzunehmen“, empfiehlt Sagorski. "Und natürlich bieten auch Institutionen wie Pro Famila Anlaufstellen.“

Bereits mehr als 30.000 Unterschriften: Petition "gestaffelter Mutterschutz nach Fehlgeburten“

Natascha Sagorski verlor ihr Baby in der zehnten Schwangerschaftswoche. Sie lag nach ihrer Ausschabung noch blutend im Krankenhausbett, als eine Ärztin ihr sagte, sie könne theoretisch morgen wieder ins Büro gehen und brauche deswegen keine Krankschreibung. "Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Denn ich war jemand, der immer funktionierte, versuchte jedes Projekt zu retten, auch mal bis nachts im Büro blieb oder für Kolleginnen einsprang. Doch in diesem Moment konnte ich nicht mehr funktionieren“, so Sagorski. "Der Verlust meines Babys hatte mich so hart getroffen, dass es mir im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlagen hatte. Ich war verletzlich und schwach. Und nun wurde mir signalisiert, dass ich das nicht sein dürfe, sondern wieder funktionieren sollte.“

Natascha Sagorski ist Autorin und Moderatorin (Bild: ddp images)
Natascha Sagorski ist Autorin und Moderatorin (Bild: ddp images)

Leider machen viele Frauen diese Erfahrung. Man wird nach einer Fehlgeburt nicht automatisch krankgeschrieben, jeder Arzt kann dies individuell entscheiden. Und als Frau hat man dann entweder Glück und einen sensiblen Arzt oder eben Pech und muss im schlimmsten Fall am nächsten Tag wieder ins Büro. Bei mir war das genauso. Deshalb rief Natascha Sagorski die Petition "Gestaffelter Mutterschutz nach Fehlgeburten“ ins Leben. 30.000 Menschen haben inzwischen unterschrieben.

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Ein gestaffelter Mutterschutz wäre ein wichtiger Schutz für Frauen in Deutschland. "Denn der Verlust eines Babys ist nicht erst ab der 24. Schwangerschaftswoche (ab hier greift der reguläre Mutterschutz) eine Katastrophe für die Mutter, sondern auch zuvor schon“, erklärt die 37-Jährige.

Wie sollte man regieren, wenn man von einer Fehlgeburt im Freundeskreis erfährt?

"Sei froh, dass es noch so klein war“ – diesen Satz habe ich im Nachhinein, als ich mit Freunden über meine Fehlgeburt sprach, leider sehr oft hören müssen. Auch Natascha Sagorski erinnert sich an Dinge wie "Das war ja noch gar kein richtiges Baby!“ Solche Sätze helfen den betroffenen Personen jedoch nicht. Sie ziehen sie nur noch mehr runter. Ich war am Boden zerstört. Es hätte höllisch weh getan – egal, zu welchem Zeitpunkt ich das Baby verloren hätte. Egal ob in Woche 11 oder 22, ein Teil von dir fehlt. Für immer.

Der Autorin zufolge sollte man einfach signalisieren, dass man da ist, wenn man gebraucht wird. Zum Beispiel mit einer Textnachricht, dass man an die Person denkt und dass es einem unglaublich leid tut, dass das passiert ist. Und dass man da ist, es aber auch versteht, wenn jetzt erstmal keine Antwort kommt. Natascha Sagorski findet: "Manchmal sagen auch kleine Gesten wie ein Kuchen vor der Tür oder ein Blumenstrauß mehr als Worte. Mir hat eine Kollegin nach meiner Rückkehr ins Büro eine weiße Lilie auf den Schreibtisch gestellt. Das war eine so schöne, schlichte Geste, die mich sehr berührt hat.“

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