Jesper Juul erklärt wahren Grund, warum Kinder „Grenzen testen“

Kind testet seine "Grenzen" aus
Kind testet seine "Grenzen" aus

Wenn Kinder sich auffällig verhalten – oder zumindest anders, als Erwachsene es erwarten – dann wird ihren Eltern gerne der Rat gegeben, den Kindern doch mal Grenzen zu setzten. Kindern, die die Erwachsenen in ihrem Umfeld durch ihr Verhalten reizen, wird manchmal auch unterstellt, sie würden „Grenzen testen“ – also ausprobieren, wie weit sie gehen können, bevor es Konsequenzen gibt.

Testen Kinder "Grenzen"? Erziehungs-Experte Jesper Juul wieso

Doch Erziehungsexperten widersprechen dieses Bild, das viele von Kindern haben. Sie empfehlen, nicht zu schnell zu urteilen und stattdessen einen Schritt weiter zu denken:

Warum verhalten sich die Kinder so? Warum gehen sie uns manchmal so auf die Nerven?

Der bekannte (inzwischen verstorbene) Familientherapeut Jesper Juul hat zu Lebzeiten eine interessante Feststellung gemacht. Er sagte:

„Kinder und Jugendliche, die angeblich ihre Grenzen ‚austesten‘, suchen nach der wahren Persönlichkeit ihrer Eltern. Sie wollen wissen, wer ihre Eltern eigentlich sind und wofür sie stehen.“

Was meint Juul damit?

Eltern sollten ihre eigenen Grenzen kennen

„Kinder suchen keine Grenzen, Kinder brauchen Kontakt“, sagt Mathias Voelchert. Der Familiencoach und Familylab-Gründer hat sehr eng mit Jesper Juul zusammengearbeitet und sogar ein gemeinsames Buch herausgebracht.

„Beim Thema ‚Grenzen setzen‘ meinen viele Eltern und Erwachsene immer, dass man anderen, also den Kindern, ihre Grenzen aufzeigen soll.“

Er stellt klar: „Wenn es um Grenzen geht, sollte es um meine Grenzen als Mutter oder Vater gehen. Dann lernt das Kind früher oder später, sich auch um seine eigenen Grenzen zu kümmern.“

Das führe natürlich dazu, dass das Kind seinen Eltern spätestens in der Pubertät auch in bestimmten Situationen sagt: „Das will ich nicht.“ Das sei jedoch eine gute Nachricht:

„Dann hat das Kind gelernt: In meiner Familie ist es erlaubt, gut für sich zu sorgen.“

Eltern sollten keine böse Absicht unterstellen

Es geht in eigentlich allen Situationen, in denen ein Kind sich auffällig verhält, darum, dass die Eltern herausfinden müssen, was gerade nicht gut läuft in der Familie. Die Verantwortung für die Stimmung in der Familie und die Qualität der Beziehungen liegt immer bei den Eltern. Deshalb ist es auch nicht sinnvoll, den Kindern zu unterstellen, sie würden ‚Grenzen testen‘, denn es impliziert eine böse Absicht.

Kinder haben aber keine böse Absicht. Oft ist ihnen nicht einmal bewusst, dass sie uns mit ihrem Verhalten ärgern. Vielmehr kooperieren sie, indem sie durch ihr Verhalten zeigen: Hier stimmt etwas nicht.

Wenn es um Grenzen geht, oder darum, dass sie von den Kindern überschritten werden, sind es daher die Eltern, die einmal überprüfen müssen, ob sie gut für ihre eigenen Grenzen eintreten.

„Wenn Eltern ihre eigenen Grenzen nicht klar aufzeigen, kann es leicht passieren, dass ihre Kinder sie gewissermaßen darauf hinweisen. Sie wollen, dass ihre Eltern sich echt und authentisch zeigen“, sagt Voelchert.

Die Kinder würden uns so lange auf den Keks gehen, bis wir Eltern eine authentische, persönliche Sprache lernen und uns echt zeigen.

„Das Kind will wissen: Was ist hinter deiner Fassade? Du spielst die perfekte Mutter oder den perfekten Vater. Und dann triezt das Kind die Mutter oder den Vater oder beide, bis derjenige authentisch aus der Haut fährt und diese Show nicht mehr aufrechterhalten kann“, meint der Familiencoach.

„Kinder wollen ihre Eltern groß, nicht gleich“

„Ein Kind wird dadurch nicht vernachlässigt, außer vielleicht, wenn ich wirklich nie mit ihm spiele. Aber wenn ich normalerweise – wie die meisten Eltern – freundlich zugewandt bin und mit dem Kind spiele, aber jetzt gerade meine Zeit haben will, ist das in Ordnung. Dann darf ich meinem Kind das ruhig zumuten.“

Die Beziehung zu unseren Kindern leidet nicht, wenn wir in bestimmten Situationen „Nein“ sagen und dieses „Nein“ auch verteidigen. Eher das Gegenteil: Die Beziehung wächst, indem wir uns echt und authentisch zeigen:

„So lernt man, in immer echtere Beziehungen zu kommen: Dass es erlaubt ist, zu sagen: Nein, das will ich jetzt nicht. Das führt natürlich dazu, dass die Kinder einem das dann auch früher oder später sagen. Damit muss man leben und es ist auch gut, dass man damit lebt. Weil es nicht nur zu echteren Beziehungen innerhalb der Familie führt, sondern die Kinder auch später in anderen Beziehungen mit Überzeugung ‚Ja‘ und ‚Nein‘ sagen können“, meint Voelchert.

Zum Schluss hat der Familiencoach noch einen wertvollen Hinweis für Eltern:

„Kinder wollen ihre Eltern groß, nicht gleich. Das heißt: Kinder wollen Eltern, die die Verantwortung übernehmen, die auch ‚Nein‘ sagen, die ihre eigenen Grenzen klarmachen. Sie brauchen keine Kumpels und keine Eltern, die Angst davor haben, ‚Nein‘ zu sagen. Und sie brauchen auch keine Eltern, die nur liebe Kinder haben wollen.“

Warum viele Eltern nicht „Nein“ sagen können

Das lässt sich gut an einem Beispiel erklären, das viele Eltern vielleicht kennen. Angenommen, ein Elternteil hat sich gerade seine Zeitung geschnappt und es sich im Sessel gemütlich gemacht. Dann kommt das Kind und will mit ihm spielen.

„Aber wenn der Papa oder die Mama das eigentlich gerade nicht möchte, sondern viel lieber die Zeitung lesen möchte – schaffen es viele Eltern nicht, zu sagen: Ich lese jetzt meine Zeitung und du spielst.“

Wenn die Eltern diese Grenze nicht klar zum Ausdruck bringen, sondern hinter ihrer Zeitung vielleicht unschlüssig sind, ein schlechtes Gewissen haben, oder sonstiges – wird das Kind weiter für sein Bedürfnis eintreten und die Eltern so lange triezen, bis es eine echte Reaktion bekommt.

„In den allermeisten Fällen passiert das, weil die Eltern eine Show machen. Sie zeigen sich nicht in ihrem wahren Sein. Sie legen die Zeitung weg und spielen dann doch mit dem Kind, wenn das Kind das gerade unbedingt möchte“, sagt Voelchert.

Ein schlechtes Gewissen müssen Eltern aber nicht haben, wenn sie ihre eigenen Grenzen klar kommunizieren. Es ist vollkommen in Ordnung zu sagen: Ich habe jetzt keine Lust zu spielen. Ich möchte jetzt meine Zeitung lesen.

Das funktioniere zwar nicht beim ersten Mal, wenn man es bislang immer anders gemacht habe, meint Voelchert. Sondern es brauche eine gewisse Eingewöhnungszeit, bis das Kind kapiert hat: Der meint es ernst. Der spielt tatsächlich nicht mit mir.

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