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Wissenschafts-TikToker Niklas Kolorz: "Die Oma von meinem Nachbarn soll es verstehen"

Niklas Kolorz erklärt komplizierte wissenschaftliche Zusammenhänge auf unterhaltsame und oft auch lustige Art und Weise. Seit 2020 läuft sein TikTok-Kanal mit einmütigen Wissenschaftsvideos, für den er 2021 den Grimme Online Award bekam. Inzwischen folgen ihm dort 1,4 Millionen User*innen. Im Interview mit Yahoo.de spricht der Wahlberliner über seine Neugier, offene Fragen des Universums und sein neues Buch.

Wissenschaft in einer Minute: Niklas Kolorz erklärt auf seinem TikTok-Kanal komplexe Zusammenhänge. (Bild: privat)
Wissenschaft in einer Minute: Niklas Kolorz erklärt auf seinem TikTok-Kanal komplexe Zusammenhänge. (Bild: privat)

Yahoo: Woher kommt deine Neugier?

Niklas Kolorz: Ich glaube, das hat einen ganz naiven Hintergrund. Während der Schulzeit war ich gar nicht so begeistert von Naturwissenschaften oder diesen Themen, aber dann habe ich ein paar populärwissenschaftliche Bücher gelesen - und mich gefragt, wie die Leute überhaupt darauf gekommen sind.

Eine der ersten Sachen, die ich spannend fand, war das Sonnensystem und die Reihenfolge der Planeten und ich fand das total verrückt, dass wir nur in den Himmel gucken und das alles daraus ableiten können. Ich wollte verstehen, wo das herkommt und diesen Fragen bin ich dann nachgegangen.

Gibt es Themen, die dich dabei besonders interessieren?

Das Universum war schon immer wahnsinnig mindblowing für mich, weil es da Fragen gibt, die ich nicht beantworten kann. Dieses "Wo kommen wir her?", "Sind wir alleine im Universum?" - ich war immer ein bisschen frustriert und traurig, dass die Antwort drauf ist: "Wir finden es wahrscheinlich niemals heraus." Darum wollte ich immer mehr wissen. Ich hatte das Gefühl, je mehr ich weiß, desto mehr erfahre ich vielleicht auch über diese großen Fragen.

Auf der anderen Seite interessieren mich auch die Natur und unser Planet. Umwelt und Tierschutz sind Themen, die mich begeistern. Zu sehen, wie schön unser Planet eigentlich und wie großartig das Leben auf der Erde ist. Das ist ein wichtiges Thema, das mich bewegt und in meiner Arbeit antreibt.

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Gab es da Entwicklungen, also Themen, bei denen du anfangs dachtest, dass du sie nicht spannend finden würdest oder andersherum?

Hier und da finde ich immer wieder Themen, die ich überraschend finde, zum Beispiel in der Menschheitsgeschichte. Biologie und Evolution war ein Themengebiet, das ich nicht richtig auf dem Schirm hatte. Aber wenn man sich damit beschäftigt, bemerkt man große Lücken in der Geschichte der Menschheit, wo wir herkommen oder wie wir uns entwickelt haben.

Das hat sich bei mir nochmal verstärkt dadurch, dass ich das jetzt ganzheitlich wissenschaftlich verfolge. Wenn man da sieht, was Woche für Woche entdeckt wird - das ist schon ziemlich beeindruckend.

Was war der Grund, dass du dich für TikTok als Plattform entschieden hast?

Ich fand es total spannend, als TikTok aufgekommen ist. Die großen Video-Plattformen sind wahnsinnig gesättigt. Ob wir jetzt von YouTube oder von anderen Plattformen sprechen, da sind viele Nutzerinnen und Nutzer aktiv und da rauszustechen, ist teilweise eine Sache von mehreren Jahren.

Bei TikTok war der Reiz, dass man sehr schnell ein Publikum aufbauen kann. Deswegen habe ich angefangen da Videos hochzuladen und nach einer Woche hatte ich das erste virale Video mit einer Millionen Views - als ich 400 Follower*innen hatte. Das Kurzvideo-Format war mir anfangs gar nicht so wichtig, aber ich habe dann mit der Zeit gemerkt, wie gut diese 60 Sekunden für mich funktionieren und wie viel man tatsächlich auch in 60 Sekunden rüberbringen kann - das ist immer wieder beeindruckend auch für mich selber.

Was sind die Vor- und die Nachteile von nur 60 Sekunden langen Videos?

Ich denke, dass man sich wirklich auf ein Thema fokussieren muss. Das heißt, wenn ich etwas Großes nehme, wie die Relativitätstheorie, dann kann ich nicht alle Aspekte davon beleuchten. Dann muss ich mich jetzt erst einmal auf die Relativität von Zeit in einem Video und die Relativität von Raum in einem anderem Video fokussieren.

Das Problem ist, dass ich die Videos nicht aneinander fügen kann. Es gibt zwar eine Playlist-Funktion auf TikTok, aber die Leute schauen meistens die Clips auf ihrem Homefeed - und da sind einfach alle Videos auf random. Ich mach zum Glück sehr viel zeitunabhängigen Content und das funktioniert sehr gut, weil das wird teilweise lange noch geschaut.

Aber der Vorteil ist, dass man schnell neue Audiences erreichen kann. Die Plattform findet für einen das Publikum: Sie kennt die Videos gut und sie kennt auch ihr Publikum gut - und ist sehr gut darin, Content und Publikum zusammenzubringen.

Was ist deine Herangehensweise um komplexe Themen verständlich und spannend zu machen?

Ich versuche mir immer klar vor Augen zu führen, wer mein Publikum ist und zu denken, dass das ein absoluter Laie verstehen muss. Ich finde eine gute Regel ist immer, selbst die Oma von meinem Nachbarn müsste mitkommen, wenn ich ihr das erzählen würde.

Ich versuche bei der Recherche ganz klar journalistisch und wissenschaftlich zu arbeiten, um sicher zu gehen, dass das was ich recherchiert habe auch wirklich der Wahrheit entspricht. Dann bin ich sehr streng, setze mich mit einer Stoppuhr an mein Blatt Papier und stoppe die Zeit während ich das Script schreiben. Und ich weiß, der Anfang muss immer etwas sein, das die Leute reinzieht, wie eine Frage, zum Beispiel "Was passiert, wenn man die Erde in der Mitte durchschneidet?". Am Ende kommen im Schnitt noch Verstehenshilfen, wie Untertitel und Schnittbilder.

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Ich versuche meistens auch noch ein bisschen Witz mit einzubauen - ich glaube das ist ganz wichtig. Dass man beim Lernen auch ein bisschen lacht, wenn man das schafft, diese beiden Sachen zu realisieren, dann hat man echt den Jackpot geknackt.

Ich glaube, diese Kombination aus Effizienz, dem Filtrieren der Information und die Verstehenshilfen, erschafft ein Produkt, bei dem man denkt, "Wow, ich hab in 60 Sekunden super viel mitgenommen".

"(Fast) Alles einfach erklärt: Vom Big Bang quer durch die Weltgeschichte bis zum Ende des Universums" ist dein neuestes Projekt, das jetzt am 4.10. herauskommt. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Ich bin großer Fan von populärwissenschaftlichen Werken, immer schon gewesen, egal, ob es Bill Bryson, Steven Hawking oder Neil deGrasse Tyson, große Journalisten und Physiker, die die großen Fragen unserer Zeit beantworten - und daher kam die Idee.

Ich wusste, dass das eine sehr anstrengende Arbeit wird, aber das war auch eine tolle Herausforderung, um mal ein neues Metier für mich zu entdecken. Geschichten länger erzählen zu können, ist total reizvoll und auch das zu nehmen, was schon öfter in Büchern präsent war, ein Rundumschlag der Wissenschaftsgeschichte, aber aus der aktuellen Perspektive des Jahres 2022.

Es sind so viele Dinge in den letzten 10 bis 20 Jahren passiert, die so viel nochmal revolutioniert haben, da ist es echt toll jetzt nochmal einen aktuellen Blick darauf zu werfen. Und im Buch sind natürlich auch Herzensthemen verpackt, wie ein Kapitel über die Klimakrise oder auch Träumereien mit dem letzten Kapitel, was die Marslandung anvisiert. Es geht also nicht nur um das, was in der Vergangenheit passiert ist bis heute, sondern auch ein Blick auf das, was uns heute ganz aktuell bewegt.

"(Fast) Alles einfach erklärt Vom Big Bang quer durch die Weltgeschichte bis zum Ende des Universums" | Der Grimme-Online-Preisträger und Welterklärer auf TikTok. (Bild: Thalia)
"(Fast) Alles einfach erklärt Vom Big Bang quer durch die Weltgeschichte bis zum Ende des Universums" | Der Grimme-Online-Preisträger und Welterklärer auf TikTok. (Bild: Thalia)

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Hast du ein Lieblingskapitel oder eine Lieblingsanekdote aus dem Buch?

Der Verlauf der Geschichte ist immer wieder gespickt mit Zufallsentdeckungen und einer der größten Belege in der Entdeckung der kosmischen Hintergrundstrahlung ist eben eine solche Zufallsentdeckung gewesen.

Zwei Radioastrologen haben an einer riesigen Antenne geforscht und hatten die ganze Zeit ein Hintergrundrauschen auf ihren Aufnahmen und konnten sich das einfach nicht erklären. Sie haben die Antenne komplett sauber gemacht, neu ausgerichtet. Dann haben in der Uni in der Stadt nebenan angerufen - da war gerade ein Forscherteam zufällig auf der Suche nach genau diesem Hintergrundrauschen.

Die beiden Forscher, die durch Zufall dieses Signal entdeckt haben, haben den Nobelpreis bekommen - und es ist der größte Beleg, den wir für die Urknall-Hypothese haben. Das ist eine wahnsinnig witzige Story, weil es einfach zeigt, wie häufig in der Wissenschaft der Zufall eine wichtige Rolle gespielt hat.

(Fast) Alles einfach erklärt - Was kann denn jetzt noch danach kommen?

Ich könnte mir vorstellen weiter zu schrieben, Ideen für eine Fortsetzung hätte ich schon. Beispielsweise ein Blick in die Zukunft oder all diese Themen, die uns schon immer beschäftigen. Ich würde gerne mehr zum Thema fliegende Autos machen, oder zu all diesen Technologien, die wir uns immer schon vorgestellt haben. Wenn man sich die 80er anschaut, wie man sich bei "Zurück in die Zukunft" vorgestellt hat, wie wir im Jahr 2015 leben würden, das ist dann traurig, wie es wirklich 2015 aussah.

Zukunftsvisionen finde ich spannend oder auch diesen Aspekt große Ideen, wie die Quantenphysik, die Relativitätstheorie verständlich zu erklären, so dass es Spaß macht. Wenn man das Gefühl hat, es klappt vielleicht da irgendwie Leute näher an die Themen ranzuführen und zu begeistern, auch Menschen, die mit Physik und Naturwissenschaften wenig anfangen können - weil es toll ist, mehr über unsere Welt zu verstehen.

Dein erstes eigenes Buch, zweifacher Grimme-Preisträger, erfolgreich auf Social-Media. Was ist dein nächstes Ziel?

Es gibt ein paar Sachen, die in den Startlöchern stehen. Ich hätte großes Interesse einen Wissenschaftspodcast selber aufzuziehen. Daran arbeiten wir gerade im Hintergrund, da kann ich leider aktuell noch nicht so viel zu sagen. Aber wenn das klappt, dann kann ich nächstes Jahr mit einem neuen Podcast-Projekt an den Start gehen.

Und ansonsten ein großer Traum, der jetzt auch mit dem Buch zusammen aufgekommen ist, wäre diese ganzen Themen in einer Doku oder in einer Doku-Serie zu verarbeiten. Aber das ist bisher noch Träumerei - Wer weiß, vielleicht liest dieses Interview ja gerade ein toller Produzent bei irgendeiner großen Plattform: Ich bin bereit!

Gibt es eine Frage, die du noch unbedingt beantwortet haben willst, bevor du mal stirbst?

Auf jeden Fall, ob wir alleine im Universum sind. Oder, ob es Leben in irgendeiner Form auf anderen Planeten gibt. Die Hinweise häufen sich, jetzt auch gerade mit dem James-Webb-Teleskop, was in der Lage ist, die Atmosphäre von Exoplaneten zu scannen und herauszufinden, ob es flüssiges Wasser auf anderen Oberflächen gibt.

Den Beleg für Leben könnten wir eventuell in den nächsten 20 bis 30 Jahren sogar ganz in der Nähe finden, wenn wir auf dem Mars Anzeichen für mikrobakterielles Leben entdecken. Auf dem Mars gab es mal vor vielen Milliarden Jahren flüssiges Wasser, die Atmosphäre sah damals anders aus und aktuell sammelt der Perseverance Mars-Rover Gesteinsproben. In ein paar Jahren könnte es sein, dass Nasa-Astronaut*innen landen, diese Gesteinsproben aufsammeln und mit zurück zur Erde bringen, wo sie dann im Labor durchsuchen werden - und das wäre für mich die größte Entdeckung der aktuellen Wissenschaft, wenn man tatsächlich, auch wenn es nur mikrokleine Bakterien sind, sehen würde, dass Leben sogar bei uns im Sonnensystem existiert hat.

Ich finde da ist die Frage interessant, was wäre gruseliger, wenn wir nicht alleine sind im Universum, oder wenn wir es sind...

Auf was würdest du hoffen?

Auf jeden Fall, dass wir nicht alleine sind. Die Vorstellung, dass wir die Einzigen im Universum sein sollen, bei hundert Milliarden von Sternen und hundert Milliarden von Planeten, das ist unvorstellbar eigentlich. Das wäre auch viel Verantwortung, die einzige Lebewesen im Universum zu sein… Deswegen hoffe ich auf jeden Fall auf einen positiven Fund und es wäre schön, es wäre unglaublich, wenn das sogar bei uns auf dem Nachbarplaneten stattfinden würde.

Im Video: Tarantelnebel: James-Webb-Teleskop sichtet tausende junge Sterne