Unbekannter LGBTQ-Held: Wer war Karl Heinrich Ulrichs?

Jennifer Caprarella
·Freie Autorin
·Lesedauer: 3 Min.

2017 wurde die Berliner Einem-Straße in die Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße umbenannt, und auch München widmete Karl Heinrich Ulrichs einen kleinen Platz im Glockenbachviertel. Ein wichtiger und längst überfälliger Schritt, wenn auch nicht viele Menschen wissen, welche enorme Bedeutung er vor über 150 Jahren für die LGBTQ-Bewegung hatte, als er für diese als Einzelkämpfer den Grundstein legte.

Heute ist die LGBTQ-Bewegung weit verbreitet und stark repräsentiert, doch in Deutschland begann sie mit einem einzigen Mann. (Symbolbild: Getty Images)
Heute ist die LGBTQ-Bewegung weit verbreitet und stark repräsentiert, doch in Deutschland begann sie mit einem einzigen Mann. (Symbolbild: Getty Images)

Denn von der Geschichte wurde er lange weitestgehend vergessen, dabei gilt der Jurist, Journalist, Gelehrte und Sexualitätsforscher Karl Heinrich Ulrichs nach allgemeiner Auffassung als erster Mensch der modernen Geschichte, der sich in aller Öffentlichkeit zu seiner Homosexualität bekannte. Ebenso öffentlich trat er für eine juristische Straffreiheit gleichgeschlechtlicher Beziehungen ein und wurde damit Vorreiter und Urvater der Homosexuellen-Bewegung - und das, bevor der Begriff Homosexualität überhaupt existierte. 

Sein Vortrag beim Deutschen Juristentag ebnete anderen Homosexuellen-Aktivisten den Weg

1862 hatte der 1825 geborene Ulrichs sein Coming-Out im privaten Kreis, doch schon drei Jahre später forderte er öffentlich andere Homosexuelle dazu auf, sich zu outen, denn: "Nur dann erobern wir uns in der menschlichen Gesellschaft Boden unter den Füßen, sonst niemals."

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Als "Urning" bezeichnete sich Ulrichs damals in seinen sexualpolitischen Schriften in Ermangelung eines Begriffes für Schwule und Lesben und die "mannmännliche Liebe", die nicht explizit negativ gefärbt war. In Anlehnung an zwei Formen der Liebesgöttin Aphrodite bezeichnete er heterosexuelle Männer als Dioning und homosexuelle Männer als Urning nach der Gestalt Aphrodites, die der Legende nach aus abgetrennten Körperteilen ihres Vaters Uranus entstand.

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Jahrelang propagierte er die gleichgeschlechtliche Liebe und brachte die Möglichkeit einer gleichgeschlechtlichen Ehe bereits damals ins Spiel. Doch Ulrichs' Engagement ging weit über seine Abhandlungen hinaus. 

Wichtigster Meilenstein seines langen Kampfes für Schwulenrechte war sein Vortrag beim Deutschen Juristentag am 29. August 1867 in München, bei dem er vor über 500 Juristen, Akademikern und Entscheidungsträgern eine Abschaffung der Gesetze forderte, die Beziehungen zwischen zwei Männern in weiten Teilen des Landes illegal machten. 

Die enorme Bedeutung der Rede sollte sich erst viele Jahre später zeigen, keinesfalls jedoch während der Tagung: Immer wieder wurde Karl Heinrich Ulrichs während seiner Rede von empörten Zwischenrufen unterbrochen und musste sie schließlich wegen des zunehmenden Tumultes abbrechen. Sein Antrag schaffte es nicht einmal auf die Tagesordnung. Statt Fortschritten folgte im Jahr 1972 der Paragraf 175, der homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. 

Die Nachbeben seiner Arbeit kamen erst nach Ulrichs' Tod

Zeit seines Lebens blieb Karl Heinrich Ulrichs Einzelkämpfer und engagierte sich weiter für die Rechte von Homosexuellen, obwohl er geachtet, beruflich zunehmend entmachtet und schließlich aus dem Land getrieben wurde. Die letzten 15 Jahre seines Lebens verbrachte er im Exil in Italien, wo er 1895 starb. 

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Welche Nachwirkungen seine Arbeit hatte, sollte er nicht mehr erleben. Drei Jahre nach seinem Tod griff Sexualforscher Magnus Hirschfeld, der bereits prophezeite, dass Ulrichs in die Geschichte eingehen würde, bei der Gründung seines Wis­sen­schaft­lich-hu­ma­ni­tä­ren Komitees dessen Theorien auf. Die Homosexuellenbewegung, die in den 20ern und 30ern in Berlin aufkeimte, wurde auch von Ulrichs' Ansichten und seinem Vortrag inspiriert. 

Bis der Paragraf 175 endgültig abgeschafft werden sollte, würde es noch bis zum Jahr 1994 dauern, und in der Geschichte und sogar der modernen LGBTQ-Bewegung fand Ulrichs mehr als ein Jahrhundert lang wenig Erwähnung. 

Heute jedoch wird er als Urvater der Homosexuellen-Bewegung gefeiert. Doch viele kennen den Namen nach wie vor nicht, was sich ändern soll: Der Lesben- und Schwulenverband LSVD fordert weitere Ehrungen über vereinzelte Straßenschilder in Berlin, Bremen oder Hannover hinaus und vor allem mehr Aufmerksamkeit für Ulrichs' Arbeit.

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