Virginijus Sinkevičius:"Auf lange Sicht bleiben unsere Umweltziele unverändert"

Krieg in der Ukraine, steigende Energiepreise, anhaltende Inflation und steigende Lebenshaltungskosten. Wie kann die Europäische Union unter diesen Umständen ihren Klimakurs halten und die Bürger davon überzeugen, bis 2050 CO₂-neutral zu werden? Vor dieser Aufgabe steht unser Gast, der EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius. Er steht in The Global Conversation zu dieser Thematik Rede und Antwort.

Euronews-Reporter Grégoire Lory: Sie haben Vorschläge zur Wiederherstellung der Natur vorgelegt. Was sind die Ziele dieses Renaturierung-Gesetzes?

Virginijus Sinkevičius, EU-Umweltkommissar: Wir haben heute einen großen Schritt gemacht, einen Schritt vom reinen Schutz der Natur zur Renaturierung der Natur. Das Hauptziel ist es, bis 2030 20 Prozent der Maßnahmen zur Wiederherstellung der Natur durchzuführen. Dazu haben wir verschiedene Ökosystemziele, darunter Moore, Grasland, Bestäuber und sogar städtische Gebiete, was den Europäern sehr am Herzen liegt - , vor allem, wenn man bedenkt, wie sehr es uns während der Lockdowns in städtischen Gebieten an Grün mangelte. Unser Ziel ist es, 5 Prozent der städtischen Gebiete bis 2030 grüner zu machen.

Kosten-Nutzen-Abwägung

Euronews: Wie hoch wären Ihrer Einschätzung nach die Kosten der Untätigkeit und welche Vorteile hätte die Wiederherstellung der Artenvielfalt?

Virginijus Sinkevičius: Wir haben eine umfassende Folgenabschätzung durchgeführt. Sie umfasst fast 700 Seiten. Und das Wichtigste, wenn wir über Handeln und Nichthandeln sprechen, ist der tatsächliche Nutzen. Wir sollten aufhören, in dem Mythos zu leben, dass Handeln für die Natur, die Wiederherstellung der Natur nur Kosten und keinen Nutzen bringt. Unsere Folgenabschätzung zeigt, dass ein investierter Euro einen Nutzen von acht Euro bringt. Und diese Vorteile kommen zum Beispiel direkt unseren Landwirten in Form von Ertragssteigerungen zugute, denn ich wüsste wirklich nicht, wer ohne einen fruchtbaren Boden mit hohem Ertrag und ohne Bestäubung etwas produzieren könnte. So sind zum Beispiel fünf Milliarden Euro der direkten landwirtschaftlichen Produktion von der Bestäubung abhängig. Der Rückgang der Bestäuber stellt eine Bedrohung für diesen landwirtschaftlichen Sektor dar. Investitionen in die Renaturierung sind ganz klar von Vorteil. Und ich bin wirklich froh, dass wir unsere Gesetzgebung mit soliden Zahlen untermauern können.

Euronews: Welche Maßnahmen werden zur Renaturierung ergriffen?

Virginijus Sinkevičius: Die Wälder könnten zum Beispiel nachhaltig bewirtschaftet werden, sodass der Boden nicht geschädigt wird und auch nach der Waldbewirtschaftung noch in der Lage ist, Kohlenstoff und Wasser zu speichern. In puncto Torfgebiete ist natürlich die Vernässung von Flächen und die Renaturierung von Torfgebieten das Naheliegendste. Die meiste Zeit über lässt man sie einfach in Ruhe, und die Natur macht, was sie will. Es hängt also sehr stark vom Ökosystem ab. Ich halte es für sehr wichtig, dass die Mitgliedstaaten nach der Verabschiedung der Rechtsvorschriften zwei Jahre Zeit haben, um ihre Pläne zu erstellen und zu prüfen, welche Ökosysteme für sie am wichtigsten sind, welche Prioritäten sie setzen und wie sie diese wiederherstellen wollen. Wir überlassen den Mitgliedstaaten und den Interessengruppen in den Mitgliedstaaten die Verantwortung.

Reduzierung von Pestiziden

Euronews: Neben diesem Renaturierungs-Gesetz, diesem Paket, ging es auch um die Reduzierung von Pestiziden. Einige Mitgliedstaaten wollen dieses Ziel abschwächen. Wie reagieren Sie darauf?

Virginijus Sinkevičius: Nein, ich würde nicht sagen, dass die Mitgliedstaaten dieses Ziel verwässern wollen, aber die Mitglieder haben einen sehr wichtigen Punkt angesprochen: Es gibt einen großen Unterschied, wenn man sich den Einsatz von Pestiziden pro Quadratmeter in den Mitgliedstaaten ansieht. Es gibt einen sehr intensiven Einsatz in einigen Mitgliedstaaten und einen sehr geringen Einsatz in anderen. Wenn man dieses übergreifende Ziel von 50 Prozent in der EU hat, sind es dann 50 Prozent für alle? Für ein kleines Land kann es eine große Herausforderung sein, 50 Prozent einzusparen, und für diejenigen mit einem intensiven Pestizid-Einsatz ist es vielleicht nicht so eine große Herausforderung.

Euronews: Ist der Green Deal angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und des Krieges in der Ukraine immer noch eine Priorität für die EU?

Virginijus Sinkevičius: Unsere Energieabhängigkeit ist extrem gefährlich. Russland nutzt sie heute ganz offen als Druckmittel gegen die europäischen Länder. Der Green Deal beweist also, dass er nicht nur gut für unsere Klimaziele und den Schutz unserer Ökosysteme ist, sondern auch für unsere geopolitischen Entscheidungen, Freiheiten und Ambitionen.

Euronews: Sie sprechen von Erpressung. Einige Mitgliedstaaten - Deutschland und Österreich - erwägen, Kohlekraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen. Können Sie das akzeptieren? Das verstößt gegen das Ziel der Kohlenstoffneutralität.

"Der Green Deal ist nicht kurzfristig gedacht, der Green Deal ist ein langfristiges Projekt."

Virginijus Sinkevičius: Ja, das stimmt. Aber wir müssen auch sicherstellen, dass der Markt für unsere Verbraucher stabil ist. Wenn es also ein letzter Ausweg, eine notwendige Maßnahme ist, müssen wir sie in Betracht ziehen. Das Wichtigste ist, dass sich das nicht auf unsere Ziele für 2030 oder 2050 auswirken wird, das ist das Wichtigste. Der Green Deal ist nicht kurzfristig gedacht, der Green Deal ist ein langfristiges Projekt. Und auf diesem langen Weg werden natürlich unerwartete Dinge passieren. Wissen Sie, wenn Sie mich vor zweieinhalb Jahren gefragt hätten, wie dieses Mandat der Kommission aussehen würde, hätte ich völlig falsch gelegen. Zunächst einmal hatten wir fast zwei Jahre lang eine Pandemie. Jetzt haben wir Krieg in Europa, Russland hat die Ukraine angegriffen. Das verändert natürlich die Dynamik, und wir müssen uns auch anpassen. Aber auf lange Sicht bleiben unsere Ziele unverändert.

Klimawandel kostet, Lebenshaltungskosten steigen: Wann sinken die Rechnungen?

Euronews: Der Klimawandel wird für die Bürger mit Kosten verbunden sein, und die Lebenshaltungskosten steigen. Wann werden die Rechnungen sinken?

Virginijus Sinkevičius: Das ist eine sehr gute Frage. Es ist klar, dass die steigenden Kosten nicht direkt mit dem Europäischen Green Deal zusammenhängen. Zuallererst haben wir gesehen, was mit den Energiepreisen passiert ist. Auch hier war unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und insbesondere von Gas der erste und wichtigste Faktor für die Kostensteigerung. Dazu kommt, dass Russland die Ukraine angegriffen hat. Das war ein großer Schock für die globalen Wertschöpfungsketten. All diese Ereignisse werden natürlich auf die Preise in Europa drücken. Zuallererst müssen wir sicherstellen, dass wir in den Mitgliedstaaten ausreichende Pakete zur Unterstützung der am stärksten gefährdeten Gruppen, der sozial schwachen Gruppen, bereitstellen, insbesondere wenn die Heizperiode in den Mitgliedstaaten beginnt, damit die Mitgliedstaaten gezielte Maßnahmen vorbereiten können. Das Gleiche gilt für die Brennstoffpreise, aber letzten Endes ist die Antwort meiner Meinung nach ganz klar. Wann werden wir mit unseren Energieressourcen völlig unabhängig von Drittländern sein? Das wird uns weniger anfällig machen und den Verbrauchern mehr Preisstabilität garantieren.

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