Beauty weltweit: Die Kosmetikindustrie wird langsam „clean“

Kosmetika aus Kiwis sieht schön aus und ist nachhaltig. Es steht für eine größere Entwicklung: Die Beauty-Industrie wird vegan und clean. Foto: Symbolbild / gettyimages / Anna-Ok

Clean Beauty, vegane Kosmetika und Cruelty-Free – nachhaltige Trends schwappen langsam über in die Kosmetikindustrie. Viele in der Branche sind sich einig: Die Schönheit der Zukunft muss an die Zukunft denken.

2019 wird das Jahr des Veganismus. So sagt es der „Economist“ voraus. Wieso? Weil sich ein Viertel der Millennials in Amerika, also die Generation Y zwischen 25 und 34 Jahre, vegetarisch oder sogar vegan ernährt. Und weil sie die Zukunft sind, auf die sich die Industrien mit ihren Produkten und Angeboten vorbereiten muss. Was in Deutschland noch nicht durch alle Schichten der Gesellschaft gedrungen ist – dass diese junge Generation sich immer weiter politisiert, die Macht zur Veränderung in sich trägt, indem sie für eine nachhaltige Zukunft auf die Straße geht – scheint in Amerika nicht nur akzeptiert, sondern auch erwartet zu werden.


Es ist ein großer Hebel für eine nachhaltige Zukunft, wenn global weniger Tiere gegessen und genutzt werden. Wenn nicht mehr vier Fünftel der weltweiten Agrarflächen für die Fleischproduktion genutzt werden, wenn weniger Monokulturen die Erdböden zerstören, wenn weniger Regenwälder dafür abgeholzt werden, wenn weniger konventionelle Tierhaltung Methan in die Atmosphäre pustet, wenn nicht mehr intensive Pestizid- und Herbizidnutzung die Umwelt belastet. Ganz zu schweigen vom Tierwohl, das in der konventionellen Landwirtschaft keine übergeordnete Rolle spielt.

Vegane Ernährung – vegane Schönheit

Vegan essen und kleiden ist seit Jahren kein wirkliches Problem mehr, die Industrie hat sich auf den Bedarf der Kunden eingestellt. Selbst McDonalds bietet vegetarische Burger an. Doch die Beauty-Industrie hinkte lange hinterher, wie Sunny Subramanian der New York Times erzählt. Sie schreibt bereits seit 2007 ein Blog über vegane Beauty-Produkte, vor 19 Jahren entschied sie sich, keine tierischen Produkte mehr zu essen oder zu tragen. Doch die Schönheitsbranche verweigerte sich der Entwicklung – jetzt holt sie langsam auf. „Ich war die erste, die über das Thema bloggte. Meine Community und ich machten damals nur einen wirklich winzigen Teil der Bevölkerung aus.“


„Die Schönheit folgt der Ernährung, weil es zu einem Großteil die gleichen Zutaten sind“, sagt in der Folge Tata Harper, die „Green Queen“ und Erfinderin der gleichnamigen Kosmetikmarke, die vollständig auf synthetische Zusätze verzichtet. Sie sagt, wenn Zutaten leicht bekömmlich seien, vertrügen die Menschen sie für gewöhnlich auch gut.

Vegan ist der erste Schritt in Richtung Clean-Beauty

Doch vegane Kosmetika sind nur ein erster Schritt in Richtung einer ganzheitlichen, „cleanen“ und nachhaltigen Schönheitsindustrie. Weil manches in der Clean-Beauty-Bewegung neu ist – hier eine kleine Wortkunde. Produkte werben unter anderem mit „Cruelty-Free“ und vegan. Doch das ist nicht gleichbedeutend. Cruelty-Free bedeutet, dass die Produkte nicht an Tieren getestet wurden. Vegan bedeutet, dass keine tierischen Inhaltsstoffe beigemischt sind. So können vegane Produkte aber durchaus auf ihre Verträglichkeit hin an Tieren getestet sein. Oder Cruelty-Free Produkte tierische Inhaltsstoffe beinhalten.

Dabei sagt Cruelty-Free allein oft nicht viel aus. Viele Tests erfolgen an den Primärprodukten, den einzelnen Inhaltsstoffen. Wer sicher gehen will, dass auch die Primärprodukte etwa einer Salbe nie an Tieren getestet wurden, kann auf das „Leaping Bunny Program“ der Tierschutzorganisation „PETA“ vertrauen. Produkte mit der Häschen-Zertifizierung „Bunny Free“ sind 100 Prozent frei von Tiertests. Es gibt auch eine App für Apple und Android.


Zu den Inhaltsstoffen, die PETA aussortiert, gehört etwa Bienenhonig und -wachs, Lanolin oder Wollwachs, das ist ein Sekret aus der Talgdrüse von Schafen. Auch Squalen, ein Öl aus der Haifischleber, Karmin, ein Farbstoff aus zermahlenen Läusen, Gelatine aus Kuhknochen oder Allantoin, meist aus Kuhurin gewonnen, sind nicht in Beauty-Produkten mit dem Hasen. Die tierischen Stoffe sind prinzipiell harmlos, machen die Produkte aber oft nicht besser. Nur billiger. Meist existieren zudem vegane Alternativen.

Natürlich heißt nicht zwangsläufig gesund

Doch aufgepasst: Auch vegan ist nicht gleichbedeutend mit gesund. Nur weil auf tierische Produkte verzichtet und auf pflanzliche gesetzt wird, können dennoch ungesunde Chemikalien beigemischt sein. Andererseits können Probleme auftreten, wenn auf haltbarmachende Chemikalien verzichtet wird. So sagt Dennis Gross, ein Dermatologe, im Gespräch mit der New York Times: „Auf veganen natürlichen Produkten können sich Bakterien vermehren und diese kontaminieren. Es geht um das richtige Verhältnis natürlicher Produkte und wichtiger Additive, um sie haltbar zu machen.“

Wie immer, wenn sich eine Branche im Wandel befindet, gibt es Trittbrettfahrer, die das Zukunftsversprechen nur zum Schein geben. Es aber nicht halten. Sie verwirren mit Kunstbegriffen und verschleiern so konventionelle Produkte und tierische Inhaltsstoffe. Das nennt sich „Greenwashing“ – um diesem Graubereich vorzugreifen, hat die „Soil Association“ eine Zertifizierung ins Leben gerufen. Die strengen Richtlinien stellen sicher, dass die Produkte nicht genetisch verändert, keine Herbizide oder Pestizide eingesetzt und dass sie fair und nachhaltig produziert wurden.


Aber nicht nur die Produkte selbst befinden sich im Wandel – zu einem ganzheitlichen Ansatz gehört auch die Verpackung der Produkte. Viele Produzenten verzichten auf Plastik, um gegen die globale Plastikschwemme in den Ozeanen vorzugehen. Der Marktforscher „Mintel“ erwartet, dass 2019 plastikfreie und nachhaltige Verpackungen ein Trend werden. Vor allem die öffentlich viel diskutierte marine Verschmutzung führe zu einem Umdenken – bei den Produzenten und Kunden. Als Vorbild nennt Mintel die niederländische Supermarkt-Kette „EkoPlaza“ – die viel mit pflanzenbasiertem Plastik arbeitet.

Mit Kosmetika Plastikflaschen-Äquivalente sparen

„Ethique“ denkt diesen Trend radikal zuende. Das britische Unternehmen wirbt damit, die erste komplett Abfall-freie Beauty-Marke des Landes zu sein. Es stellt Blockseifen her, jede einzelne ist handgemacht, fair-trade, die Inhaltsstoffe sind nachhaltig produziert, ohne Tierversuche getestet, sie sind vegan, ohne Palmöl oder Parabene, zudem werden 20 Prozent der Einnahmen an Umwelt-Organisationen gespendet. Bis 2020 will das Unternehmen auf diese Weise zehn Millionen Plastikflaschen einsparen – Ende 2018 war es bereits eine Million.

Im Gespräch mit dem Portal „Marie Claire“ sagt die Gründerin Brianne West zur Idee der Blockseifen: „Gewöhnliche Shampoos bestehen zu 75 Prozent aus Wasser. Ich wollte einfach sehen, was passiert, wenn ich das Wasser weglasse und die Inhaltsstoffe einfach so kombiniere. Wasser gibt es ja in der Dusche.“ So entstanden quaderförmig gepresste, bunte Seifen.


Auch in Deutschland kommen Unternehmen auf ähnliche Ideen. Die „terrorists of beauty“ verzichten ebenfalls auf Plastikverpackungen, chemische Substanzen, Mikroplastik oder Tierversuche – sie wollen „radikal natürlich“ sein und das „Diktat der Schönheitsindustrie“ beenden. Auch sie stellen Blockseifen her und wollen damit Shampoo, Duschgel und Gesichtsreiniger ersetzen. Auf der Homepage zählt das Unternehmen auf: Sie sind plastikfrei, palmölfrei, vegan, unisex, „handmade in Germany“ und basieren auf maximal 15 natürlichen Bio-Zutaten.


Der „Geheimtipphamburg.de“ zitiert die beiden Gründerinnen Natalie und Mar mit folgendem Satz: „Wir schaffen ab, was uns jahrzehntelang vorgegeben wurde. Makellose Körper. Komplizierte Behandlungen. Männlich, weiblich. Chemische Inhaltsstoffe. Tierversuche. Plastik. Mikroplastik und Überkonsum.“

Der Clean-Beauty-Trend ist eine vielschichtige Bewegung. Der aber vielleicht wichtigste Effekt, neben dem Tierwohl und der Nachhaltigkeit, ist, dass sich Verbraucher informieren, ihren Willen artikulieren, dass sie Inhaltsstoffe bewerten, dass sie achtsamer werden im Umgang mit Beauty-Produkten und dann eine Kaufentscheidung treffen. Sie stellen die richtigen Fragen und bekommen darauf hoffentlich bald die richtigen Antworten.