Containern: Das essen, was andere wegwerfen

Ena Clarke
Freie Autorin

Für die einen klingt es verlockend, für die anderen abstoßend: Lebensmittel, die von Supermärkten weggeworfen werden, sind oft noch genießbar. Wer “Containert” fischt Obst, Gemüse & Co. aus den Mülltonnen und spart sich damit jede Menge Geld. Doch das ist nicht mehr so einfach wie noch vor ein paar Jahren – und das hat auch gute Gründe!

Containern, auch Mülltauchen oder Dumpster Diving genannt, bezeichnet die Mitnahme weggeworfener Lebensmittel aus Abfallcontainern. (Bild: Getty Images)

Einfach mal in die Mülltonne tauchen und ein bisschen Obst und Gemüse rausfischen? „Das ist inzwischen gar nicht mehr so einfach“, erzählt Daniel gegenüber Yahoo Style. Der 28-Jährige ist Student in Göttingen und begibt sich seit nunmehr fünf Jahren auf die Suche nach verzehrbaren Lebensmitteln, die Supermärkte wegwerfen. Damit gehört er zu einer Szene, die einen relativ geschlossenen Kreis bildet. Man kennt sich und tauscht sich persönlich oder in geschlossenen Facebook-Gruppen über die richtigen Orte und Zeiten zum Containern aus und ist sehr vorsichtig. Denn die Bedingungen für das sogenannte Containern haben sich verändert. „Es ist heute viel schwieriger als noch vor ein paar Jahren“, so Daniel. Supermarktketten bewachen ihren Müll deutlich besser und sperren ihn weg. „Man hat schon das Gefühl, dass man eine Straftat begeht.“

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Das Gefühl trügt nicht, man begeht tatsächlich eine Straftat. Denn auch der Müll ist Eigentum und wer ihn ohne Erlaubnis entwendet, macht sich strafbar. Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung (wenn Container aufgebrochen werden) und Diebstahl sind die Delikte, die Müllsammler dabei begehen. In Oberbayern wurde Anfang 2017 ein Rentner deshalb zu 200 Euro Strafe verurteilt. Das Amtsgericht Düren verurteilte zwei junge Männer 2013 sogar zu 300 bzw. 700 Euro Strafe oder 70 Tagen Gefängnis. Nach einem Widerspruch der Staatsanwaltschaft stellte das Aachener Landgericht das Verfahren allerdings wegen Geringfügigkeit ein.

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Aber Containern ist heute nicht nur deswegen schwieriger, weil die Supermärkte ihren Müll besser bewachen. Der Umgang mit dem Lebensmittel-Überschuss hat sich auch deutlich professionalisiert. Statt weiterhin heimlich in die Mülltonnen zu springen, haben viele Menschen Foodsharing-Initiativen gegründet. Auch so retten sie Lebensmittel davor, weggeworfen zu werden. Allerdings auf legale Weise und es kommt der Allgemeinheit zugute.

Es gibt immer mehr Foodsharing-Initiativen

Grundlage ist meist ein Vertrag mit dem Supermarkt, zu dem eine rechtliche Verzichtserklärung der Foodsharing-Initiative gehört. Darin wird beispielsweise festgelegt, dass die Lebensmittel nicht weiterverkauft werden dürfen. In vielen Städten gibt es inzwischen Verteilpunkte. Oft können auch Privatleute Lebensmittel abgeben, die sie nicht mehr brauchen –  weil sie gerade viele Äpfel geerntet haben oder in den Urlaub fahren und ihren Kühlschrank leeren wollen.

In rund 25 Jahren haben sich die Tafeln zu einer der größten sozialen Bewegungen der heutigen Zeit entwickelt. (Bild: Tafel Deutschland)

Auf der anderen Seite gibt es die Tafeln, die viele übrig gebliebene Lebensmittel erhalten. Die Rewe Group etwa, die Rewe und Penny betreibt, teilt gegenüber Yahoo Style mit, dass die Supermärkte im Jahresdurchschnitt bis zu 99 Prozent ihrer Lebensmittel verkaufen. Was übrig bliebe und noch essbar sei, werde an rund 900 lokale Tafel-Initiativen verschenkt, heißt es aus der Pressestelle. Auch Edeka und Lidl geben sich Mühe, zu betonen, dass bei ihnen kaum Lebensmittel entsorgt werden müssten.

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Die Ketten argumentieren alle ähnlich: Die Warenwirtschaft sei inzwischen so optimiert, dass sie ein Überangebot von vornherein vermeiden soll. Moderne Logistikprozesse würden sicherstellen, dass möglichst wenig Lebensmittel beim Transport und der Lagerung kaputtgehen. Lild betont, was nicht an die Tafeln abgegeben werden könne, wird „zur Herstellung von Bio-Methan in Biogasanlagen transportiert.“

Manche Lebensmittel können aus juristischen Gründen nicht abgegeben werden

Die Rewe Group hält die Verantwortlichen für die einzelnen Märkte an, die Müllcontainer vor dem Zugriff Dritter zu sichern. Sie gibt zu bedenken, „dass beispielsweise Lebensmittel, die verschimmelt sind oder Kontakt zu verschimmelter oder verdorbener Ware hatten, weder aus ethisch-moralischen noch aus juristischen Gründen abgegeben werden können.“

Wer seine Lebensmittel aus dem Container holt, verlässt sich auf seine Sinne, um zu beurteilen, ob etwas noch genießbar ist oder nicht. Alle Gesundheitsgefährdungen kann man damit allerdings nicht ausschließen. Nüsse etwa entwickeln geruchs- und geschmackslose Gifte, wenn sie schlecht werden. Daher lassen erfahrene Müllsammler sie beim Containern liegen. „Im Sommer, wenn es heiß ist, ist es natürlich generell schwieriger, noch genießbares Essen in den Tonnen zu finden“, so Daniel. Im Winter dagegen findet er öfter mal auch Käse und Wurst.

Oft werfen Supermärkte Lebensmittel weg, die durchaus noch genießbar sind. (Bild: Getty Images)

Es gibt auch Supermärkte, die liberaler sind, was ihren Müll angeht. In der Szene ist beispielsweise ein Tegut-Markt bekannt, der die Tonnen extra an den Abenden rausstellt, bevor die Müllabfuhr kommt. In dem Wissen, dass sie dann auch durchsucht werden. In der Kommunikation des Supermarktes ist „taste the waste“ ein roter Faden. Wegen einer Druckstelle, einem welkem Blatt oder krummem Wuchs  werden hier keine Lebensmittel weggeworfen, doch auch Tegut muss sich an gesetzliche Vorgaben halten. „Aus diesem Grund achtet Tegut darauf, dass Lebensmittel, die nicht mehr in Verkehr gebracht werden können, auch unter Verschluss sind“, so ein Pressesprecher. Und: Spätestens bei Sachbeschädigung hört die Toleranz auf, dann leitet auch dieses Unternehmen rechtliche Schritte ein.

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Tatsächlich haben die Supermarktketten auch ein wirtschaftliches Interesse daran, möglichst wenig Ware zu vernichten. Denn das kostet Geld und verringert den Gewinn. Wer nun denkt, dass im deutschen Handel kaum Lebensmittel entsorgt werden, täuscht. Denn dafür findet Danielzu viel Essbares in den Tonnen. Ein bis zwei Mal pro Monat besorgt er sich so sein Essen und spart dadurch etwa 100 Euro. Die Geldersparnis ist für ihn aber eher ein schöner Nebeneffekt, wie für viele andere aus der Szene auch. Ihnen geht es eher um ideologische Gründe: „Warum werden Dinge weggeworfen, wenn man sie noch essen kann? Warum brauchen wir so eine Überproduktion?“

Mehr als die Hälfte des Mülls kommt aus privaten Haushalten

Doch das ist nur die eine Seite des Müllberges. Von insgesamt elf Millionen Tonnen Lebensmittel, die in Deutschland pro Jahr weggeworfen werden, stammen laut Bundeszentrum für Ernährung rund 6,7 Millionen Tonnen aus den Privathaushalten. Auch wer nicht in die Mülltonne eines Supermarktes klettern will, kann also mit Blick auf den eigenen Kühlschrank einiges dafür tun, dass weniger Lebensmittel verschwendet werden.

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