Die #FreeTheFeed Kampagne: Erfährt das Stillen in Deutschland mehr Toleranz als in England?

Antonia Wallner
Freie Autorin

Wer am 7. April zufällig in London durch die Straßen ging, wird an bestimmten Ecken seinen Augen nicht getraut haben. Denn unübersehbar thronten sie auf den Dächern: riesige aufblasbare Brüste, mal hell, mal dunkel, mit unterschiedlich großen Brustwarzen. Woher kamen die Brüste? War es ein verrückter Künstler mit Hang zu nackter Weiblichkeit? Oder irgendein schlechter Brexit-Scherz nach britischem Humor, den wir nicht sofort durchschauen? Mitnichten. Es ging um das Thema Stillen.

Das Stillen in der Öffentlichkeit ist in Großbritannien oft ein Problem für Mütter. (Symbolbild: Getty Images)

Initiator der Riesenbrüste war die Firma Elvie, die unter dem Hashtag #FreeTheFeed auf ein Thema aufmerksam machen wollte, das eigentlich das natürlichste der Welt, aber in Großbritannien verpönt ist: Stillen in der Öffentlichkeit. Mütter werden schief angeschaut, aus Restaurants verbannt oder gar kritisiert, warum sie gerade jetzt ihr Baby nähren müssen. Viele Frauen müssen auf Toiletten ausweichen oder sich anderweitig nach geschlossenen Räumen umsehen, um den bösen Blicken zu entkommen.

England hat eine der niedrigsten Stillraten der Welt

Wissenschaftliche Zahlen untermauern diese Tatsachen: Die Insel hat laut einer Unicef-Studie eine der niedrigsten Stillraten der Welt. Nur rund 34 Prozent der sechs Monate alten Babys werden von ihren Müttern noch an die Brust gelegt. Zum Vergleich: In Schweden sind es laut Unicef 62 Prozent.

Royales Baby: Wie die Gerüchteküche um Herzogin Meghans und Prinz Harrys Nachwuchs brodelt

Der 7. April wurde für die Aktion nicht zufällig gewählt. In Großbritannien wird an diesem Datum der Muttertag gefeiert. Das Start-up Elvie will mit der #FreeTheFeed-Kampagne “allen Frauen beistehen, die sich schon einmal in der Öffentlichkeit für das Stillen schämen mussten“ und “die britische Öffentlichkeit zur Still-Toleranz ermutigen“, wie es auf der Website der Aktion heißt. Ganz uneigennützig ist die Kampagne aber auch nicht. Elvie vertreibt diverse Produkte speziell für Frauen, darunter einen Beckenbodentrainer und eine Milchpumpe. Wie reagieren die Menschen auf die übergroßen Brüste mit der deutlichen Botschaft?

Überwiegend positive Reaktionen im Netz

In den sozialen Medien teilen sich die Meinungen. Viele loben die Kampagne in ihren Kommentaren unter den Posts: “geniale Kampagne für einen wichtigen Zweck“ etwa oder einfach nur “wundervoll“, “super“, “tolle Unterstützung“.

 

Negative Äußerungen gibt es kaum. Wenn, dann stören sich Kommentatoren an der Ästhetik: “fürchterlich“ oder sie belassen es bei Emoticons. Schließlich gibt es noch vorwiegend männliche Meinungen zu den Brüsten an sich, die von “So dekorier ich mein Haus an Weihnachten“ bis zu “Es ist ein geiler Tag voller Brüste in London“ reichen.

 

 

Wer sich die englische Kampagne mit ihren Reaktionen ansieht, stellt sich zwangsläufig die Frage: Ist das Stillen in der Öffentlichkeit auch bei uns ein Problem?

Wie gehen wir in Deutschland mit dem Thema um?

In Deutschland gibt es bisher keine aussagekräftigen Zahlen. Im Gegensatz zu England ist die Akzeptanz in Deutschland aber groß, wenn Mütter ihre Babys im öffentlichen Raum stillen. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung befragte in seiner aktuellen Studie “Erfahrungen und Einstellungen der Bevölkerung und stillender Mütter“ über 1000 Personen dazu. Rund 66 Prozent der Befragten waren der Meinung, “dass Stillen immer und überall möglich sein sollte“.

Kontroverser Post: Wenn Männer über das Abstillen sprechen

Wie sehen Experten das Ganze? Yahoo Style fragte beim Deutschen Hebammen Verband nach.

“Grundsätzlich ermutigen wir Hebammen die Mütter zum Stillen in der Öffentlichkeit, weil sie aktiv dabei gesehen werden sollen“, erklärte Aleyd von Gartzen, Beauftragte für Stillen und Ernährung des Verbandes. “Stillen soll als etwas ‘Normales‘ wahrgenommen werden. Wenn sich Mütter in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt fühlen, ist das nichts anderes als Diskriminierung.“

Das Stillen in der Öffentlichkeit wird in Deutschland weitgehend akzeptiert. (Symbolbild: Getty Images)

Wenn es zu negativen Reaktionen kommt, dann meistens beim Stillen in Restaurants und Cafés. Das “Hauptproblem“ für negative Reaktionen ist oft Intimität gepaart mit der freien Sicht auf eine nackte Brust. Laut der Studie des Bundesamtes fühlen sich einige dabei unwohl, indirekt quasi Zeuge zu sein, wie ein Baby die Brust bekommt. Verrückt, wenn wir uns einmal vergegenwärtigen, wieviel nackte Haut in unserer Werbung so gezeigt wird.

Die Expertin kann das bestätigen:

“In Restaurants und Cafés gibt es oft die Ansicht, dass Babys ‘da nicht essen sollen‘. Viele finden das ‘eklig‘. Da gibt es immer wieder krasse Beispiele. Vor ein paar Jahren etwa wurde eine stillende Frau im Speisewagen der Bahn sofort aufgefordert, den Wagen zu verlassen. Das schockiert einen immer wieder.“

Was tun wir in Deutschland, um die Still-Akzeptanz zu verbessern?

Seit 2017 gibt es das Projekt “Becoming Breastfeeding Friendly“, ein internationaler Zusammenschluss des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, des Netzwerks Gesund ins Leben und der Nationalen Stillkommission gemeinsam mit der Universität Yale. Ziel ist es, anhand eines “Breastfeeding gear Models“ die Rahmenbedingungen für das Stillen zu verbessern, um so die Stillraten in Deutschland nachhaltig zu steigern. Im Juli 2019 wird das Projekt seine Ergebnisse vorlegen.

VIDEO: Frau bringt sieben Kilo schweres Baby zur Welt