(Don't) Believe the Hype: Lohnt sich der Marvel-Blockbuster "Avengers: Endgame"?

Hype oder nicht Hype? Das ist bei “Avengers: Endgame” die Frage. (Bild: Marvel Studios 2019)

Wenn alle nur noch über ein Thema reden, beantwortet die Yahoo-Style-Kolumne “(Don’t) Believe the Hype” die unvermeidbare Frage: Ist der Hype gerechtfertigt oder nicht? Diesmal im Fokus: der Marvel-Blockbuster “Avengers: Endgame”, der bereits beim Ticketvorverkauf Rekorde brach und das Zeug hat, der kommerziell erfolgreichste Film aller Zeiten zu werden.

Eine Kolumne von Carlos Corbelle

Das “Endgame” im Titel deutet es bereits an: Der neue “Avengers”-Film ist nicht bloß ein weiteres Kapitel im stetig wachsenden Marvel Cinematic Universe. Er ist vielmehr der (vorläufige) Schlusspunkt einer cineastischen Reise, die vor gut zehn Jahren mit dem ersten “Iron Man”-Film ihren Anfang nahm. Alles, was wir hier sehen, wurde im Verlauf von 21 vorhergehenden Filmen sorgfältig vorbereitet, sei es in Form übergreifender Handlungsstränge, die sich mal mehr, mal weniger prominent durch die Einzelabenteuer der zahlreichen Marvel-Superhelden ihren Weg bahnten oder in Gestalt kleiner Verweise, die sich selbst dem geschultesten Auge zu entziehen vermochten, wenn es an der falschen Stelle zu blinzeln wagte.

Man kann also gar nicht genug betonen, wie ehrgeizig die Konstruktion dieses figuren- und verweisreichen Kino-Universums und damit auch die Fallhöhe von “Endgame” ist, der nicht nur an das offene Ende des unmittelbaren Vorgängers “Avengers: Infinity War” anknüpft, sondern auch die endgültig zusammenlaufenden Fäden aller bisherigen Filme zu einem stimmigen Geflecht verknüpfen muss.

An dieser Stelle der kurze Hinweis, dass ich hier keine Spoiler zu “Endgame” preisgeben werde, aber auf das Ende von “Infinity War” zu sprechen komme – für den Fall, dass jemand “Infinity War” noch nicht gesehen hat und sich die Spannung nicht verderben lassen will.

Noch da? Ok, dann kann’s ja weiter gehen.

“Endgame” beginnt da, wo “Infinity War” aufhörte: Die Avengers haben verloren. Zum ersten Mal. Und dafür umso heftiger. Weil sie den Überschurken Thanos nicht aufhalten konnten, hat der mit dem wohl folgenreichsten Fingerschnippen der Filmgeschichte die Hälfte der Menschheit verschwinden lassen. Und was machen die Regisseure Anthony und Joe Russo? Sie zeigen uns zu Beginn von “Endgame” nicht etwa das globale Ausmaß der Katastrophe. Sie zeigen uns stattdessen das persönliche. Eröffnen ihren Film mit Hawkeye, der bei “Infinity War” nicht zu sehen war, weil er das Superhelden-Dasein ein paar Filme zuvor für sein Familienleben aufgegeben hatte – und nun mitansehen muss, wie sich seine Frau und die Kinder von einem Moment auf den anderen in Luft auflösen. Wortwörtlich.

Die Leftovers lassen grüßen

Die Eröffnungsszene ist bezeichnend dafür, wie die besten Filmemacher bei Marvel – zu denen die Russos definitiv gehören – das Shared Universe nicht nur größer und gewaltiger, sondern gleichzeitig tiefer und intimer werden lassen. Preschte der ebenfalls von den Russos inszenierte Vorgänger “Infinity War” noch atemlos voran, geht das Regie-Duo zu Beginn von “Endgame” einen etwas anderen Weg und entschleunigt die Handlung durch einen dramaturgisch äußerst geschickten Schachzug, der die Helden dazu zwingt, sich mit ihrer Niederlage abzufinden. Was folgt, ist zunächst also nicht die Lösung des Problems, sondern das Leben mit dem Problem, das Aushalten der Niederlage.

In diesem ersten Drittel des Films weht im Marvel-Universum ein Hauch von “Leftovers”, jener herausragenden HBO-Serie, in der ebenfalls ein Teil der Weltbevölkerung von einer Sekunde auf die andere verschwindet und die Hinterbliebenen im Angesicht der unbegreiflichen Katastrophe mit ihrer Trauer und Wut zurück lässt. Was “Leftovers” in puncto existentielle Verzweiflung drei Staffeln lang auslotet, kann “Endgame” in seinen drei Stunden natürlich nicht leisten – und das will der Film auch gar nicht. Aber: Es verleiht dem darauf folgenden Action-Spektakel, auf das ein Hollywood-Blockbuster dieser Größenordnung unweigerlich zusteuert, eine Dringlichkeit, die kein noch so spektakulärer Spezialeffekt allein auslösen kann.

Das ist alles so souverän inszeniert, geschrieben und gespielt, ist trotz aller Dramatik derart witzig und wird von allen Beteiligten mit so viel Sorgfalt zum Leben erweckt, das es auch funktionieren mag, wenn man sich “Endgame” anschaut, ohne je etwas anderes vom Marvel Cinematic Universe gesehen zu haben. Die emotionalen Räume, die sich hier eröffnen, wenn etwa Captain America die tiefe Verbitterung Iron Mans entgegenschlägt oder wenn Black Widow daran verzweifelt, was aus Hawkeye nach dem Verschwinden seiner Familie geworden ist, kann man jedoch nur dann vollends beschreiten, wenn man weiß, was diese Personen verbindet. Wenn man von ihren gemeinsamen Siegen und ihren bitteren Verlusten weiß.

Fazit: Believe the Hype!

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