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Experten( )Wissen: Das passiert beim Orgasmus im menschlichen Körper

Eine Sexual-Therapeutin im exklusiven Interview

Der Orgasmus – gerade der weibliche – bleibt für viele ein Mysterium. Was genau passiert beim Höhepunkt im Körper? Und welche Rolle spielt der Kopf dabei? Wir haben mit der Sexologin und Sexualtherapeutin Susanna-Sitari Rescio gesprochen.

Frau in Unterwäsche, die lustvoll die Augen geschlossen hat.
Was passiert beim Orgasmus eigentlich im menschlichen Körper? Wir haben mit einer Expertin darüber gesprochen.

Kann man einen Orgasmus überhaupt ausschließlich körperlich definieren?

Susanna-Sitari Rescio: Der Orgasmus ist ein komplexes Phänomen, eine Fähigkeit, die im Laufe des Lebens gelernt wird. Es beinhaltet sowohl physiologische, hormonelle, muskuläre Veränderungen als auch emotionalen Komponenten.

Was passiert rein "mechanisch" im Körper?

Es handelt sich um eine oder mehrere Kontraktionen des Beckenbodens. Einer Muskelschicht, die Vagina oder Peniswurzel umschließt. Ich nenne diese Muskelschicht gerne "Dritte Hand", damit man sie sich besser vorstellen kann. Eine Hand, die in diesem Fall unwillkürlich auf und zu geht.

Und auf der emotionalen Ebene?

Da bedeutet der Orgasmus Loslassen, sich hingeben, dem Körper und seinen Empfindungen die Regie überlassen. Dies setzt eine gute sexuelle Selbstsicherheit, aber auch Vertrauen in sich selbst und in das Gegenüber voraus.

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Der Orgasmus wird nicht umsonst von den Franzosen "der kleine Tod" genannt. In diesem Moment verlieren wir im besten Fall die Kontrolle. Darum brauchen wir das Gefühl, dass unser Gegenüber uns in dem Höhepunkt unserer Leidenschaft halten kann. Für viele Menschen ist darüber hinaus wichtig, eine emotionale Sicherheit zu haben, die Gewissheit, dass die Partnerin oder der Partner uns wirklich liebt und uns nicht im Stich lassen wird.

Was muss passieren, damit Männer und Frauen zum Höhepunkt kommen?

Der Höhepunkt "kommt", wenn eine gewisse Schwelle – der sogenannte Point of no Return (PONR) – überschritten wird. Das heißt, wenn genug sexuelle Erregung aufgeladen worden ist, die sich nun in rhythmischen Kontraktionen entlädt.

Welche Körperpartien werden genau stimuliert?

Um den PONR zu erreichen, sind ganz unterschiedliche und individuell gelernte Stimuli notwendig: Berührungen am ganzen Körper, zum Beispiel an den Genitalien, Brüsten oder dem Mund. Dazu kommen anderen sinnlichen Reize und Fantasien. Jeder Mensch lernt, bestimmte Reize als für ihn als sexuell relevant zu erkennen, und reagiert darauf.

Wie bereits erklärt, braucht es aber für den Höhepunkt darüber hinaus sowohl eine gewisse Erfahrung und sexuelle Selbstsicherheit als auch einen emotionalen Rahmen.

Welche Formen des Orgasmus kann man unterscheiden?

Orgasmen fallen sehr unterschiedlich aus. Selbst beim gleichen Mensch kann es zu verschiedenen Erlebnissen führen, die sowohl in der Qualität als auch in der Dauer differenzieren. Je "mechanischer" die sexuelle Modalität ist, also wenig Variationen in der Stimulation der Genitalien, wenig Berührungen an anderen Körperteilen, desto punktueller fühlt sich der Höhepunkt an.

Je mehr ein Mensch gelernt hat, mit den Ressourcen des Körpers in der Steigerung der Erregung umzugehen, desto ganzkörperlicher und erfüllender wird der Orgasmus erlebt.

Welche Hormone werden beim Höhepunkt ausgeschüttet?

Beim Sex und beim Orgasmus spielen ganz unterschiedliche Hormone eine Rolle: Testosteron, Östrogen, Adrenalin, Dopamin oder das "Bindungshormon" Oxytocin. Prolaktin und Serotonin sorgen für Entspannung und Zufriedenheit nach dem Sex.

Welche gesundheitlichen Vorzüge hat ein Orgasmus?

Unmittelbar nach dem Höhepunkt stellt sich meist eine tiefe Entspannung ein. Der Schlaf wird ruhiger, unser Körper kann sich durch die tiefe Entspannung und den guten Schlaf besser regenerieren. Orgasmen sind gut gegen körperliche Beschwerden, wie Spannungskopfschmerzen und Regelschmerzen, aber auch um Stress abzubauen. Auch auf die Psyche wirken sich Orgasmen dank der Ausschüttung von Dopamin & Co. positiv aus. Von erfüllender Sexualität profitiert auch die Beziehung. Dies wiederum fördert ebenfalls unsere Gesundheit.

Wie kann es zu Störungen der Orgasmusfähigkeit kommen?

Durch angeborene neurologische Erkrankungen (wie bspw. Spina bifida), Unfälle oder chirurgische Eingriffe sowie durch Alterungsprozesse kann es zu somatischer Beeinträchtigung der Orgasmusfähigkeit kommen.

Leicht bekleidetes Pärchen im Bett, kurz vor einem Kuss.
Von erfüllender Sexualität profitiert auch die Beziehung. Dies wiederum fördert ebenfalls unsere Gesundheit.

Über den weiblichen Orgasmus herrscht nicht nur bei Männern immer noch große Unwissenheit. Was sind falsche Vorstellungen, die sich einfach nicht ausrotten lassen?

Das ist ein komplexes Thema. Es fängt damit an, dass viele Menschen das weibliche Genital noch nicht mal richtig benennen und beschreiben können. Der Außenteil ist die Vulva, die Vagina ist die Verbindung zwischen Vulva und Gebärmutter.

Die wenigsten Frauen haben gelernt, ihre Vagina wahrzunehmen, sie zu "besuchen" und zu "bewohnen". Das verhindert den Aufbau einer neuronalen "Autobahn" zwischen Genital und Gehirn, die Voraussetzung dafür, dass Frau angenehme und erregende Empfindungen in ihrer Vagina erleben kann. Hinzu kommt die nicht-adäquate vaginale Stimulation beim rein mechanischen Sex. Diese beide Faktoren verhindern lustvolle, erregende Erlebnisse beim Sex.

Wie kann man das ändern?

Es ist möglich, die Vagina aus dem Winterschlaf zu holen! Durch vielfältige Berührungen innerhalb der Vagina werden verschiedene Rezeptoren stimuliert, darunter Teile des Klitorisorgans, die nur von innen erreicht werden können. Diese taktilen Reize bauen die Verbindung zum Gehirn und damit zur bewussten Wahrnehmung auf.

Die meisten Frauen – und ihre Partnerinnen oder Partner – bleiben bei der Klitorisperle, ein kleiner Teil dieses Organs, der von außen sichtbar und fühlbar ist. Dadurch versäumen viele Frauen, die Ressourcen ihrer Vagina (darunter den größten Teil des Klitorisorgans, das nur über die Vagina erreichbar und stimulierbar ist) zum Leben zu erwecken.

Als männlicher Partner ist es genauso wichtig, den eigenen Erregungsmodus zu erweitern. Das bedeutet in der Regel, weniger Verspannung im ganzen Körper, weniger harte und mechanische Bewegungen während der Penetration, mehr rhythmische Variationen sowie größere Beweglichkeit im Becken.

Gibt es den umstrittenen vaginalen Orgasmus?

Ja. Definitiv!!! Der "vaginale" Orgasmus ist ein Orgasmus, der durch verschiedene Stimuli erzeugt wird. Frauen, die dazu in der Lage sind, bewegen sich beispielsweise so, dass die Klitorisperle mit stimuliert wird. Meist ohne sie extra anzufassen.

Darüber hinaus bewegen sie ihr Becken so, dass der G-Bereich (der obere Teil der Vagina) optimal stimuliert wird und die Klitorisschenkel auch miteinbezogen werden. Sie nutzen die Möglichkeit, ihren Beckenboden willkürlich zu steuern, sodass ihre Vagina auf und zugeht. Dadurch werden die Tiefenrezeptoren in der Vagina aktiviert. Die Mikrobewegungen im Becken fördern darüber hinaus die Durchblutung – essenziell für die Erregung – und vermeiden Verspannungen im Becken, die wiederum die Durchblutung verhindern würden. Sie steuern auch aktiv die Bewegungen des Partners und vermeiden lang anhaltende mechanische und harte Stöße, die Vagina, Klitorisorgan und G-Bereich auf Dauer taub machen.

Sexologin Susanna-Sitari Rescio (Foto: Privat)
Sexologin Susanna-Sitari Rescio (Foto: Privat)

Unsere Expertin: Susanna-Sitari Rescio

Susanna-Sitari Rescio ist Sexologin und Sexualtherapeutin mit eigenem Institut in Hamburg. Sie studierte Sexologie in Merseburg. Außerdem ist sie Heilpraktikerin für Psychotherapie und hat weitere klinische Ausbildungen abgeschlossen. Susanna-Sitari Rescio ist Leiterin von Selbsterfahrungsgruppen und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung DGfS.

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