Vergewaltigungs-Prozess in Irland: Frauen protestieren mit ihren Dessous

Ena Clarke
Freie Autorin

Das fadenscheinige Argument “Sie will es doch auch, wenn sie sich schon so anzieht” ist bei einem Prozess in Irland wieder einmal hervorgeholt worden – und das ruft gerade großen Protest hervor.

Eine Frau prostestiert gegen das fragwürdige Beweismittel Tanga vor Gericht. (Screenshot Twitter: @OBrienRedmondS)

Der Hintergrund ist ernst: In der irländischen Stadt Cork wurde ein 27-Jähriger Anfang November vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Eine 17-Jährige hatte ihn beschuldigt, sie nachts in einer Gasse der Stadt vergewaltigt zu haben. Unter den zwölf Geschworenen befanden sich vier Frauen.

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Vor Gericht verteidigte sich der Angeklagte damit, dass vieles an dem Vorfall in der Straßengasse von den Zeugen fehlinterpretiert worden sei. Zum Beispiel, dass er das Mädchen in der Nacht ein Stück weit trug: Das habe er nur getan, weil es gefürchtet habe, sich auf dem Boden das Kleid zu beschmutzen. Der Körperkontakt sei einvernehmlich gewesen, und als das Mädchen ihn gebeten habe, aufzuhören, habe er das auch getan.

“Sie müssen sich ansehen, wie sie angezogen war. Sie trug einen Tanga mit Spitze.”

Doch was Elizabeth O’Connell, die Anwältin des Angeklagten, in ihrem Schlußplädoyer tat, stößt vielen bitter auf: Sie empfahl den Geschworenen, in ihrem Urteil die Unterwäsche der 17-Jährigen zu berücksichtigen. Genauer, die Unterwäsche die sie in der fraglichen Nacht trug.

O’Connell sagte wörtlich: “Schließt dieser Beweis die Möglichkeit aus, dass sie sich zu dem Angeklagten hingezogen fühlte und offen dafür war, jemanden zu treffen? Sie müssen sich ansehen, wie sie angezogen war. Sie trug einen Tanga mit Spitze.”

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Einen Tanga mit Spitze! Na und? Was soll das schon heißen? Viele Menschen sind über dieses vermeintliche Argument während des Vergewaltigungs-Prozesses entgeistert. Auf Twitter solidarisieren sich Frauen weltweit unter #ThisIsNotConsent (deutsch: “Das ist keine Zustimmung”) mit der 17-Jährigen und posten Fotos ihrer eigenen Unterwäsche.


Sie gehen auch auf die Straße, und halten dort ihre Tangas in ihren Fäusten in die Luft: Fast 400 Frauen protestierten diese Woche vor dem Gericht in Cork mit Plakaten wie “Thongs can’t talk”, “Tangas können nicht reden” – also auch nicht “Ja” oder “Nein” zu Sex sagen, egal, wie sie aussehen. Außerdem hängten sie Tangas an den Zaun und auf die Stufen vor dem Gericht.



Das teils auch vom Staat geförderte Dublin Rape Crisis Centre versucht seit 1979 Betroffenen von sexuellen Übergriffen zu helfen. Die Leiterin Noeline Blackwell erklärte der britischen Tageszeitung “The Independent”: “Dass auf die Unterwäsche des Mädchens hingewiesen und den Geschworenen die Schlußfolgerung nahegelegt wurde, sie habe mit solcher Kleidung doch nach Sex gefragt – das wundert uns überhaupt nicht. Wir begleiten Menschen vor Gericht und beobachten andauernd wie Stereotype bemüht werden, um die Angeklagten zu entlasten.”

Das vermeintliche “Tanga-Beweisstück” zieht Kreise: Diese Woche hielt die Politikerin Ruth Coppinger während einer Debatte im irischen Parlament einen Tanga in die Höhe und sprach von “Vergewaltigungs-Mythen”.


Regierungschef Leo Varadkar sagte, sexuelle Übergriffe seien niemals die Schuld des Opfers, ganz gleich, wie jemand angezogen gewesen sei. Oder wie es die österreichische Journalistin Nicole Schöndorfer herunterbricht:


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