Augenarzt erklärt: Was macht das ewige Starren auf Bildschirme mit den Augen?

Ann-Catherin Karg
Freie Journalistin

In der Arbeit schauen wir stundenlang auf Notebook oder PC, am Abend gucken wir fern und zwischendurch immer wieder auf das Smartphone. Wie gefährlich das für die Augen ist, erklärt Prof. Dr. Hermann Krastel vom Uniklinikum Mannheim im Interview mit Yahoo Style.

Tagsüber sitzen viele Menschen vor dem Laptop und dem Smartphone, abends dann oft noch vor dem Fernseher. Was macht das mit unseren Augen? (Bild: Getty Images)

Yahoo Style: Können lange Zeiten vor dem Bildschirm wirklich die Augen schädigen?

Prof. Krastel: Es wird immer wieder gesagt, dass man die alterskorrelierte Makula-Degeneration, bei der Sehschärfe verloren geht, als Abnutzungsphänomen betrachten muss, das durch die gesamte Lichtzufuhr im Lauf des Lebens beeinflusst wird. Dazu gibt es aber genauso wenig eine gute Studie an Menschen wie dafür, dass das Blaulicht oder Kurzwellenlicht besonders schädlich sind. Man kann aber sagen, dass die Netzhaut zu einem wesentlichen Teil aus Sehzellen besteht, die strukturelle Ähnlichkeiten mit der Hautoberfläche und ihren Epithelien aufweist. Und dazu gibt es ganz klare Daten: Die Haut reagiert auf lange Lichtexposition mit vermehrter Alterung. Neben konkreten Strukturschäden des Auges gibt es aber Befindlichkeitsstörungen, die den Sehkomfort beeinträchtigen und unangenehm sind, das Auge aber nicht kaputt machen.

Schon gewusst? Darum können Sonnencremes der Umwelt schaden

Wie äußern die sich?

Die Augen fühlen sich müde an oder brennen. Das kommt daher, dass man bei jeglicher Bildschirmarbeit immer in derselben Blickrichtung mit erheblichem Interesse auf den Bildschirm guckt. Man macht dann weniger Lidschläge und die Augenoberfläche ist weniger benetzt. Dazu kommt, dass Büroluft häufig klimatisiert und trocken ist. Das bedeutet für das Auge, dass der Tränenfilm vermehrt zur Verdunstung neigt und es zu kleinen Trocknungseffekten auf der Augenvorderfläche kommen kann. Dafür gibt es Risikopatienten, die zum Beispiel durch eine Vorerkrankung oder die Gewöhnung an Kontaktlinsen eine verminderte Sensibilität der Hornhaut haben. Dann kann es sein, dass diese kleinen Trocknungseffekte sich so deutlich ausprägen, dass sie zum Beispiel von Lufterregern genutzt werden und dann entzündliche Veränderungen bewirken können. Insofern sollte man diese Befindlichkeitsstörungen schon registrieren und etwas dagegen tun, damit keine Epitheldefekte entstehen.

Wie kann man dem vorbeugen?

Indem man sich zweckmäßig verhält: Immer mal wieder absichtlich das Auge schließt, den Blick woanders hinwendet, von der Nähe auf die Ferne wechselt, an die frische Luft oder ans Fenster geht oder sich mit benetzenden Augentropfen behilft, von denen es eine breite Palette gibt. Blaulicht hemmt die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin, das der Körper braucht, um Schäden an DNA-Zellen zu reparieren.

Könnte dadurch die Entstehung von Krebs begünstigt werden?

Dafür gibt es keine ausreichenden Anhaltspunkte. Man kann solche Effekte zwar im Labor belegen, aber in der realen Lebensumwelt kann man sie nicht nachweisen. Wenn wir aber zu später Stunde noch vor dem Fernseher oder Bildschirm sitzen und da unter anderem auch Blaulicht verpasst bekommen, hat das aber einen anderen Effekt: Das Auge ist der Signalgeber nicht nur für visuelle Information, sondern auch für den Tag-Nacht-Rhythmus. Der kommt durch Blaulicht am Abend durcheinander und das äußert sich in Verhaltensstörungen. Dass man schlechter einschlafen kann, die Schlafperiode kürzer wird und man morgens nicht ausgeschlafen ist.

“Shell On Challenge“: So gefährlich ist der neue Social-Media-Trend

Brillen, die das Blaulicht filtern, können das Auge entlasten. (Bild: Getty Images)

Nutzen Brillen etwas, die das Blaulicht filtern?

Die Brillen, die das Licht ein Stück weit filtern, können durchaus einen Komforteffekt haben. Sie dürfen nur nicht so grob eingefärbt sein, dass sie die Farberkennung verschlechtern. Das sollte man einfach so machen, wie es einem angenehm ist. Unabhängig vom Blaulicht sollte man zum Beispiel am Strand oder in den Bergen einen Lichtschutz verwenden, um das Auge nicht überzubelichten.

Gibt es ein technisches Gerät, das Ihrer Meinung nach besonders schädlich ist?

Gerade bei Jugendlichen das Smartphone. Die Displays zeigen ziemlich viel Information ziemlich klein. Man muss also dicht heran und wenn man das immer wieder macht, ist das ein Training für Kurzsichtigkeit. Die ist in der Konsequenz nicht nur ein optischer Fehler des Auges, sondern hat eine ganze Menge Konsequenzen. Ein kurzsichtiges Auge neigt vermehrt zur Netzhautablösung, zu Makula-Schäden und ist empfindlicher gegen Glaukom, wo der Augendruck nicht vom Sehnerv vertragen wird. Da gibt es eine ganze Reihe von Folgeproblemen. Denselben Effekt sehe ich auch bei Staatsexamen-Kandidaten, die zur Vorbereitung lange Zeiten in Bücher oder auf Bildschirme schauen. Manche haben mir berichtet, das Staatsexamen hätte sie zwei Dioptrien gekostet.

VIDEO: So sieht der digitale Arztbesuch aus