Fleisch, Insekten & Co: So sieht unsere Ernährung der Zukunft aus

Larissa Kellerer
·Freie Autorin

Bereits 2040 werden nur noch 40 Prozent der konsumierten Fleischprodukte von Tieren stammen, das besagt eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Wie also sieht die Ernährung der Zukunft aus? Was künftig auf dem Speiseplan steht, verrät unter anderem die Diplom-Ökotrophologin Dr. Silke Lichtenstein.

Sieht aus wie Fleisch, schmeckt (laut vielen Testern) wie Fleisch - ist aber keins: Ersatzprodukten wie Beyond Burger gehört die Zukunft. (Bild: Getty Images)
Sieht aus wie Fleisch, schmeckt (laut vielen Testern) wie Fleisch - ist aber keins: Ersatzprodukten wie Beyond Burger gehört die Zukunft. (Bild: Getty Images)

Aus für Schlachthäuser?

"Wir stehen vor nichts weniger als dem Ende der Fleischproduktion, wie wir sie kennen", prophezeit Dr. Carsten Gerhardt, Partner und Landwirtschaftsexperte von A.T. Kearney. Eine gute Nachricht für Vegetarier, Veganer und Tierfreunde. Denn Gerhardts Vorhersage würde ein Schrumpfen der Massentierhaltung bedeuten. Zwar gehen die Autoren der Studie weiterhin von einem wachsenden globalen Fleischmarkt aus. Sie sind sich allerdings auch sicher, dass gewöhnliches Fleisch zunehmend von neuen Fleischersatzprodukten (25 Prozent) und durch kultiviertes Fleisch (35 Prozent) ersetzt wird.

Ständig ausverkauft: Der Hype um “Beyond Meat“

"Die großflächige Viehwirtschaft wird von vielen als unnötiges Übel angesehen", heißt es in der Studie mit dem Titel „How will Cultured Meat and Meat Alternatives disrupt the Agricultural and Food Industry?“. "Mit den Vorteilen neuartiger veganer Fleischersatzprodukte und von Zuchtfleisch gegenüber konventionell hergestelltem Fleisch ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie einen erheblichen Marktanteil erobern."

Das Fleisch aus dem Labor wird immer günstiger

Schon jetzt ein gutes Beispiel: Der sogenannte Beyond Burger, der im wahrsten Sinne des Wortes in aller Munde ist und in Deutschland einen regelrechten Hype ausgelöst hat. Nach dem Verkaufsstart Ende Mai sind die Patties aus Erbsenprotein des US-Herstellers Beyond Meat vielerorts restlos ausverkauft.

Und wie sieht es mit In-vitro-Fleisch, dem Fleisch aus dem Labor, aus? In Holland wurde im Jahr 2013 der erste kultivierte Hamburger der Firma Mosa Meat vorgestellt. Während der Geschmack zufriedenstellend war, sorgte der Preis für Bauchschmerzen: stolze 250.000 Dollar pro Burger.

Der erste kultivierte Hamburger der Firma Mosa Meat kostete 2013 in der Produktion noch 250.000 US-Dollar. (Bild: Mosa Meat)
Der erste kultivierte Hamburger der Firma Mosa Meat kostete 2013 in der Produktion noch 250.000 US-Dollar. (Bild: Mosa Meat)

Vor zwei Jahren gab Mosa Meat dann bekannt, dass sie mittlerweile Hamburger produzieren können, die umgerechnet nur noch rund 10 Dollar kosten. Der Preis pro Kilo Zuchtfleisch liegt allerdings noch bei mehreren Tausend Dollar. Experten gehen aber davon aus, dass das Fleisch aus dem Labor in ein paar Jahren zu erschwinglichen Preisen auf dem Tisch landen wird. "Bei einem Preis von 40 Dollar pro Kilo Kunststeak könnte Laborfleisch massentauglich werden", meint Gerhardt. Dieses Preisniveau könnte bereits 2030 erreicht sein.

Rind of Change: “Viele Schritte in die richtige Richtung”

Klar ist, die Agrar- und Lebensmittelbranche steht in Zukunft vor massiven Änderungen. Das macht auch die Diplom-Ökotrophologin Dr. Lichtenstein im Gespräch mit Yahoo Style deutlich: „Wenn wir über Ernährung sprechen, müssen wir auch immer die Landwirtschaft miteinbeziehen. So wie in der Vergangenheit wird es nicht weiter gehen können, denn die intensive Landwirtschaft hat nicht nur die Ressourcen, die Natur sowie die Nutzpflanzen und -Tiere über die Maßen belastet, sondern auch dazu beigetragen, dass viele Erzeuger nicht mehr von ihren Produkten leben können. Positiv hingegen ist die Entwicklung unter Verbrauchern: Viele haben sich merklich umorientiert und sind wesentlich bewusster geworden. Stichwort Flexitarier oder Plantarismus. Da sind wir in den letzten fünf Jahren viele Schritte in die richtige Richtung gegangen.“

Fleisch und Klimaschutz: 90 Prozent weniger Emissionen

Neben der Besorgnis der Menschen über das Wohlergehen von Tieren geht es folglich auch um die starken Umweltauswirkungen der konventionellen Fleischproduktion. Allein wir Deutschen schlachten pro Jahr rund 745 Millionen Tiere. Die ökologischen Folgen werden immer wieder in wissenschaftlichen Studien deutlich gemacht, von den schädlichen Emissionen, die die Klimakrise auslösen, über wilde Lebensräume, die für Ackerland zerstört wurden, bis hin zur Verschmutzung von Flüssen und Ozeanen.

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Fleischalternativen und kultiviertes Fleisch können einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz und Ressourcenschutz beisteuern. Beyond Meat etwa gibt an, dass ihr pflanzliches Hamburger-Pattie 90 Prozent weniger Treibhausgasemissionen verursacht, 46 Prozent weniger Energie verbraucht, 99 Prozent weniger Einfluss auf die Wasserknappheit hat sowie 93 Prozent weniger auf die Landnutzung.

Insekten sind in der EU zum Verkauf freigegeben, die Deutschen sind allerdings noch skeptisch. (Bild: Getty Images)
Insekten sind in der EU zum Verkauf freigegeben, die Deutschen sind allerdings noch skeptisch. (Bild: Getty Images)

Das große Krabbeln: Die Deutschen sind noch skeptisch

Müsliriegel aus Mehlwürmern oder Burger aus Buffelowürmern: Eine weitere heiß diskutierte Alternative für Protein sind Insekten, die in einigen afrikanischen oder asiatischen Ländern bereits verzehrt werden. Anfang 2018 wurden sind Insektenprodukte auch in der EU erlaubt.

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Deutsche Verbraucher sind allerdings noch skeptisch, wie Dr. Lichtenstein erklärt:„Das Thema Protein wird in der Zukunft auf jeden Fall sehr präsent sein. Inwieweit sich Insekten bei uns als Lebensmittel durchsetzen, wird sich zeigen müssen. Heutzutage haben solche Produkte noch eher den Mutproben-Charakter und ich bin skeptisch, ob sich die kulturellen Hürden so schnell überwinden lassen. Zudem sind die Produkte lebensmittelrechtlich noch nicht vollständig geregelt. Im Hinblick auf die Inhaltsstoffe haben Insekten aber durchaus Potenzial.“

Senkrechtstarter in der Landwirtschaft: Vertical Farming

Für Obst und Gemüse bietet sich in der Zukunft die Anbau-Methode „Vertical Farming“ an, bei der die Pflanzen nicht neben- sondern übereinander wachsen. Auch Algen, ein mögliches Future-Superfood, könnten in Gebäudekomplexen mitten in der Großstadt geerntet werden.

Beim „Vertical Farming“ wachsen die Pflanzen auch übereinander. (Bild: Getty Images)
Beim „Vertical Farming“ wachsen die Pflanzen auch übereinander. (Bild: Getty Images)

Die Vorteile von „Vertical Farming“: Es gibt nahezu keine Transportwege und somit fast keinen CO2-Ausstoss, kleinere Anbauflächen, weniger Wasser und Düngemittel. Zudem wachsen Tomate, Gurke und Co. wegen der konstant guten Bedingungen besser als auf dem Acker.

Gesunder Speiseplan für den Planeten

Wie müsste eine Ernährung aussehen, mit der sich zehn Milliarden Menschen gesund ernähren ließen, ohne dabei den Planeten zu zerstören? Dieser Frage sind 37 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der EAT-Lancet-Kommission drei Jahre lang nachgegangen, ihre Ergebnisse haben sie im Bericht „Planetary Health Diet“ veröffentlicht.

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Demnach sollten alle Menschen der Welt täglich ungefähr 500 Gramm Obst und Gemüse zu sich nehmen sowie 232 Gramm Getreide, 250 Gramm Milchprodukte, 75 Gramm Hülsenfrüchte, 50 Gramm Nüsse und ca. 40 Gramm Fleisch. Das wäre theoretisch eine Ernährungsweise, die gut für die Gesundheit und den Planeten ist.

Ernährung der Zukunft: Zeit des kulturellen Wandels

Was tatsächlich auf den Tellern landen wird, können wir nur erahnen. „Mit Sicherheit können wir nicht voraussagen, was und wie wir in 40 Jahren essen werden. Allein in den letzten drei bis vier Jahren haben wir Trends erlebt, die wir so nicht geahnt hätten", so Dr. Lichtenstein. Als Beispiel nennt die Diplom-Ökotrophologin Haferbrei. Früher als dröge Krankenkost verpönt, heute super-trendy als Porridge oder Overnight-Oats bekannt und beliebt.

Dass der gute alte Haferbrei sein Comeback feiern würde, hätten die wenigsten Experten erwartet. (Bild: Getty Images)
Dass der gute alte Haferbrei sein Comeback feiern würde, hätten die wenigsten Experten erwartet. (Bild: Getty Images)

„Wir erleben gerade eine extrem spannende Zeit des kulturellen Wandels und auch das Thema Essen verändert sich damit rapide. Es gibt schon heute keine einheitliche Vorstellung mehr davon, wie Essen oder Esskultur zu sein hat, vielmehr gibt es viele verschiedene bunte Arten. Wir erleben aktuell eine nie da gewesene Diversität der Essrichtung“, so Dr. Lichtenstein.

Auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft bestätigt auf Anfrage von Yahoo Style, dass über den Speiseplan der Zukunft nur spekuliert werden kann. Neue Wege finden und entwickeln, das wird wegen der wachsenden Weltbevölkerung und der Klimakrise allerdings unerlässlich sein. Langfristige Effekte werden laut Dr. Lichtenstein positiv belegte Themen haben, wie zum Beispiel Detox, Nachhaltigkeit oder auch gutes Karma. Das bewege die Menschen und verändere folglich auch das Essverhalten.

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