Makellos mit Schneckenschleim: Die Beauty-Industrie in Südkorea boomt

Hautpflege ist in Südkorea ein tägliches Ritual. Foto: Vicky Lee

Südkorea ist das Land der Schönheits-Superlative: In keinem anderen Land wird mehr gecremt, gepudert und geschummelt. Nirgendwo setzen mehr Männer auf Make-Up und nirgendwo legen sich mehr Frauen unters Messer

Im Luxusviertel Gangnam in Seoul – mit dem Hit „Gangnam Style“ wurde ihm ein musikalisches Denkmal gesetzt – reiht sich Schönheitsklinik an Schönheitsklinik. U-Bahn-Stationen und südkoreanische Shopping Malls sind voll von Werbefotos und aggressiven Slogans: “Jeder hat es schon getan außer dir!” Zwar nicht jede, aber tatsächlich jede dritte Südkoreanerin hat sich laut Umfragen bereits unters Messer gelegt. Keine Nation der Welt hilft einer Studie der „International Society of Aesthetic Plastic Surgeons” öfter operativ nach.

Der erste Eindruck entscheidet: Süß und niedlich wollen viele Südkoreanerinnen aussehen. Das Kindchen-Schema mit babyglatte Haut und großen Augen ist der Maßstab, ein V-förmiges Gesicht gefragt. Um dieses Ideal zu erreichen, schrecken junge Frauen auch vor drastischen Mitteln nicht zurück. Kiefern werden abgeschliffen, Nasen verlängert, künstliche Doppellidfalten operiert. Viele Südkoreanerinnen wollen schön sein auf Biegen und Knochenbrechen: für eine schmalere Kinnpartie und längere Beine.

Ein schmaleres Gesicht gehört zu den häufigsten Wünschen an die Schönheitschirurgen. Foto: JW Plastic Surgery Center

Schönheit gilt in Südkorea als Eintrittskarte für den Arbeitsmarkt – und wird zum Wettbewerb. Alles dreht sich um den sozialen Aufstieg. Schon Mütter versuchen darum oft, die Haut ihre Töchter mit Bleichcremes aufzuhellen. Denn edle Blässe wird mit Wohlstand verbunden. Zum Schulabschluss folgt als Geschenk häufig die erste OP. Die Schönheitsbranche in Südkorea gilt als extrem fortschrittlich, die Angebote sind vergleichsweise günstig. Jährlich werden im Schnitt 650 000 Schönheits-OPs durchgeführt, längst nicht nur an Einheimischen. Immer mehr Touristen aus Asien, aber auch Europa oder den USA, vertrauen auf südkoreanische Chirurgen. „Einige Patienten kommen nach Südkorea wegen der Schönheits-Operation – und machen noch Sightseeing oder besuchen ein K-Popkonzert“, beschreibt Jay Han von der Schönheitsklinik JW Plastic Surgery Center gegenüber Yahoo Deutschland.

Südkoreanische Männer lieben Kosmetik

Kim Ki-bum, Künstlername Key, ist ein Schauspieler, Sänger und das Beauty-Idol für viele südkoreanische Männer. Foto: Sweetcandy

Wer sich nicht gleich unter das Messer wagt – oder kein Geld dafür hat – hilft zumindest mit Kosmetik nach. Das Vorbild, auch für viele Männer, sind androgyne Pop-Sänger und Schauspieler, die sich ganz selbstverständlich schminken und aufwändig stylen. In keinem anderen Land ist der Umsatz von Männer-Kosmetik größer. Mutige greifen zum Kajal und Augenbrauenstift, zu Lipgloss und Puder. Neben duftendem Aftershave und Haargel setzen viele Südkoreaner zudem auf getönte BB-Cremes, also blemish balm, für einen makellosen Teint.

„Hautpflege ist ein wichtiger Teil der koreanischen Kultur“, erklärt die südkoreanische Beauty-Bloggerin Vicky Lee von Sorabelle im Interview mit Yahoo Deutschland. Der Porzellanteint vieler Südkoreanerinnen ist kein Geschenk der Natur, sondern das Ergebnis stundenlanger Pflege. Wie ein religiöses Ritual mutet die traditionelle Gesichtspflegeroutine in zehn bis elf Schritten morgens und vor dem Schlafengehen an. Bis zu zwanzig Produkte verwenden Koreanerinnen dafür jeden Tag: Toner, Ampullen, Serum, Augencreme, Feuchtigkeitsfluid, Sonnenschutz, am Abend erst eine Tuch-, dann eine Schlafmaske. Vom Gesicht dehnen viele Koreanerinnen diese aufwändige Prozedur auf den gesamten Körper aus, erklärt Vicky Lee. Kein Wunder also: „Koreanische Frauen geben sieben Mal mehr Geld für Kosmetik aus als Frauen in den westlichen Ländern.”

Bizarre Beauty-Trends schwappen von Südkorea nach Europa

Die Hauptstadt Seoul mit tausenden Beauty-Salons und Kliniken gilt als Mekka der Schönheitsindustrie. Foto: Pixabay

Die Beauty-Industrie wächst rasant. Es gibt rund 2000 verschiedene südkoreanische Beauty-Marken. Was in Kosmetiksalons in Seoul längst etabliert ist, landet wenig später in New York, Paris und Berlin. Immer mehr Amerikanerinnen und Europäerinnen schwören auf K-Beautyprodukte mit ebenso innovativen wie ungewöhnlichen Inhaltsstoffen von Käse hin zu Schweinscollagen, Rotwein und Eselmilch. „Schneckenschleim ist ein fantastischer Feuchtigkeitsspender – bekämpft Akne und beugt Falten vor“, ist Vicky Lee überzeugt. Seegurken sollen die Haut festigen, Hirschhorn beuge der Hautalterung vor.

Doch es geht noch bizarrer. Der letzte Schrei aus Südkorea nennt sich „Aegyo sal“ und wurde auf Instagram zum Trend. Übersetzt bedeutet es so viel wie „lachende Augen“. Dahinter verbirgt sich ein typischer Hangover-Look: Koreanerinnen schminken sich geschwollene Augen für den perfekten Kater-Style. Mit Klebestreifen heben sie die Tränensäcke an oder unterspritzen die Lider. Anhängerinnen schwören darauf, dass dadurch die Augen größer wirken.

Einheitslook gerät in die Kritik

Dem Schönheitswahn sind in Südkorea kaum Grenzen gesetzt. Immer wieder entflammt darum inzwischen heftige Kritik: Bei der Wahl der Miss Korea 2013 diskutierten viele Menschen in Südkorea und weltweit, unter anderem auf der Internetplattform Reddit, warum die Kandidatinnen alle derart eintönig aussehen. Durch Schönheitsoperationen, ähnliches Make-Up und nicht zuletzt Photoshop hatten sämtliche der Frauen auf den Fotos denselben “Korean Plastic Fake Look” und glichen einer Armee von “Klonen”.

 (is)

Fotos: Vicky Lee/www.sorabelle.com, JW Plastic Surgery center