Schlürfen, Kauen & Co. - Darum reagieren manche Menschen so genervt

Ann-Catherin Karg
Freie Journalistin

Je nach Lautstärke und eigener Stimmung sind bestimmte Geräusche mal mehr, mal weniger nervig. Doch für manche Menschen sind schon die Kaugeräusche der Tischnachbarn so unerträglich, dass sie lieber gar nicht in Gesellschaft essen und auch andere Situationen möglichst meiden. Was Betroffene so in Rage bringt, hat einen Namen: Misophonie.

Anderen Menschen beim Essen zuhören zu müssen, das ist für Misophoniker ein Graus. (Bild: Getty Images)

Der Name Misophonie setzt sich aus den griechischen Wörtern “Misos“ für Hass und ”Phonie“ für Geräusch zusammen und bedeutet nichts anderes als den Hass auf Geräusche. Tatsächlich werden Betroffenen bei bestimmten Geräuschen derart wütend, dass sie die aufsteigenden Aggressionen kaum kontrollieren können. Ein Klassiker sind Geräusche, die andere Menschen beim Essen machen: nicht nur Schmatzen und Schlürfen, sondern auch pures Kauen oder das Knacken beim Biss in eine Möhre oder einen Apfel.

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Was die Wut auslöst, ist ganz unterschiedlich

Andere Misophoniker geraten außer sich, wenn jemand neben ihnen mit dem Kugelschreiber klickt oder mit dem Fuß wippt, wenn sie hören, wie jemand sich die Fingernägel feilt oder auch nur etwas lauter atmet. Dinge also, die prinzipiell jeden stören könnten, aber eben nicht gleich aus der Fassung bringen. Für manche Menschen ist das so schlimm, dass sie nicht einmal mit ihrer eigenen Familie essen wollen oder öffentliche Verkehrsmittel oder auch Kinos oder Theater meiden, in denen jemand Popcorn oder Nachos kauen könnte. Geräusche, wie zum Beispiel Baby- oder Kindergeschrei, die vielen Menschen auf den Zeiger gehen, werden von Misophonikern aber nicht als besonders belastend empfunden.

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Eventuelle Traumata spielen keine Rolle

Laut dem niederländischen Psychiater Damiaan Denys hat die Überempfindlichkeit gegen bestimmte Alltagsgeräusche nichts mit einem Trauma zu tun, das die Menschen etwa in ihrer Kindheit erlebt haben und das in ihrer Erinnerung mit einem bestimmten Geräusch verknüpft ist. Fest steht aber, dass Betroffene oft schon als Kinder darunter leiden.

Was sind die Ursachen?

Bei Tests mit Probanden hat der Neurowissenschaftler Sukhbinder Kumar von der Universität Newcastle in Großbritannien herausgefunden, dass Menschen mit Misophonie bei bestimmten Geräuschen eine besondere Gehirnaktivität aufweisen. Im Kernspintomograph wurde deutlich, dass bei den Betroffenen die vordere Inselrinde (AIC) aktiviert wird, sobald ihnen das verhasste Geräusch vorgespielt wird.

Diese Region ist dafür zuständig, Sinneseindrücke mit Emotionen zu verknüpfen. Eine Verknüpfung im Fall eines Schmatzens oder eines klackernden Absatzes auf dem Asphalt ist sozusagen eine zu viel. Therapien zielen heute vor allem darauf ab, dass Betroffene zum Beispiel mit Yoga, autogenem Training oder progressiver Muskelentspannung daran arbeiten, ihren Körper und Geist besser zu kontrollieren.

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