Siegeszug für Superheldinnen: Die Rückkehr der Capes

Hannah Klaiber
Freie Journalistin

Capes und Cape-Dresses haben sich still und leise über die Laufstege wieder in unsere Herzen und Kleiderschränke gestohlen: Warum der Siegeszug der einst so biederen Oberbekleidung auch etwas mit Macht und Selbstbewusstsein zu tun hat – und wie der Superhelden-Umhang uns auch im Alltag (noch) besser aussehen lässt.

Supermodel mit Superkräften: Naomi Campbell geht regelmäßig abends im Superheldinnen-Outfit aus – dieses Mal vergleichsweise unauffällig im Polka-Dots-Look. (Bild: Getty Images)

Plötzlich war es wieder da und wurde von allen begeistert ausgeführt: Das Cape – einst Regenschutz, dann Rotkäppchen-Umhang, aber doch niemals cool – hat die Kleiderschränke der Stars zurückerobert. Nach einer ersten Hochphase in den schicken Fifties und einem eher biederen 70er-Revival in Form grüner Loden-Umhänge ist das Cape endlich wieder da angelangt, wo es hinzugehören scheint: auf der ganz großen Bühne, auf dem Laufsteg und dem roten Teppich, als Teil einer Fashion-Inszenierung, die wie mit Superkräften alle Blicke auf sich zieht.

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Die Stars haben die magischen Kräfte des Capes längst für sich entdeckt: Amal Clooney war eine der ersten, die edle Cape-Roben, meist asymmetrisch geschnitten und eng anliegend, regelmäßig zu Abendanlässen ausführte. Herzogin Meghan schwört seit ihrer Schwangerschaft auf knie- bis bodenlange Cape-Kleider.

Super in den letzten Schwangerschaftswochen: Capes sorgen für viel Bewegungsfreiheit. Herzogin Meghan weiß es, wie hier auf Staatsbesuch in Marokko, zu schätzen.

Melissa McCarthy und Oprah Winfrey zeigen, wie sich der Umhang mühelos in sachlichere Business-Mode integrieren lässt. Und Glenn Close und Billy Porter schließlich erwecken in ihren legendären Cape Gowns besagte Superkräfte zum Leben: die nämlich, die einen den Blick einfach nicht abwenden lassen, so dass das Auge wie in einem Sog jeder Bewegung folgen muss, jedem Schwung, jeder eleganten Pose, die dank der Bewegungsfreiheit des Umhangs um die Schultern so wunderbar leicht fällt.

Kacey Musgraves (in Rosa im Vordergrund) hatte bei den Oscars 2019 leider das Nachsehen: Kaum jemand achtete auf sie, alle Augen ruhten auf Glenn Close

Was ist es also, das Geheimnis dieses Stückchen Stoffs, das nicht nur Supermodels Superkräfte und Super-Stil verleiht?

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Der Eindruck von Selbstbewusstsein und Anmut, den die Trägerinnen der angesagten Cape-Dresses ausstrahlen, kommt nicht von ungefähr: Von den alten Germanen als Regen- und Kälteschutz erdacht, avancierte der Umhang über Jahrhunderte hinweg zum Symbol für Macht und Würde. Könige schritten darin majestätisch durch die Menge, Ritter machten darin auch während des Kampfs eine gute Figur und selbst die feinen Damen des viktorianischen Zeitalters konnten sich in ihren voluminösen Kleidern dank lockerer Capes endlich grazil und elegant fortbewegen.

Amal Clooney ist wie gemacht für die Würde und die Eleganz einer Cape-Robe. (Bild:Getty Images)

Diese Aura von Macht, Würde und Ernsthaftigkeit ist dem Cape in seiner aktuellen Gestaltung geblieben, findet auch Modepsychologin Prof. Carolyn Mair, der zufolge es kein Zufall ist, dass Frauen in einflussreichen Positionen Capes in ihr Stilprofil aufgenommen haben: „Umhänge bieten Schutz, Komfort und Freiheit und wurden von Berufen getragen, die typischerweise mit einem sinnvollen Leben, Mut und Altruismus verbunden sind “, sagte sie dem britischen „Guardian“.

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„Aufgrund dieser Konnotationen wirkt ein Umhang mächtig und diese Symbolik kann auf den Träger übertragen werden, wenn er oder sie daran glaubt.“ Lässt uns ein Cape also wie ein besserer Mensch aussehen?

Bei Kate Moss muss es immer noch eine Spur cooler sein: Ihr Cape zur schwarzen Abendrobe besticht durch Fransen im freien Fall.

Ob die Designer von Miu Miu, Celine oder JW Anderson diese Symbolik vor Augen hatten, als sie Capes in ihre Herbst-/Winter-Kollektionen 2019/20 aufnahmen? Vielleicht, denn besonders die Mode ist sensibel gegenüber dem Zeitgeist ihrer Generation – und damit auch was deren Ängste und Wünsche betrifft. Und ein Cape wird, neben vereinzelten Assoziationen mit Rotkäppchen oder Jagdszenerien, am ehesten mit Superhelden in Verbindung gesetzt.

Psychologin zum Cape: “Die Leute suchen jetzt nach Sinn”

So wies Modepsychologin Mair laut „Guardian“ auf eine Studie von 2018 hin, in der die Auswirkungen des Primings, also der Beeinflussung der kognitiven Verarbeitung, von Superheldenbildern auf prosoziales Verhalten untersucht wurden. Demnach erhöhe „eine subtile Aktivierung von Superheldenreizen prosoziale Absichten und Verhalten“. Mair meint dazu: „Vielleicht hat die Mode diese wichtigen Faktoren im Cape gefunden. Die Leute suchen jetzt nach Sinn. ”

Ja, okay, auch Männer können Superhelden sein – und entsprechende Capes tragen: wie hier Billy Porter bei den Golden Globes 2019

Wie viel Kraft und Symbolik das Cape seinen Trägerinnen (und Trägern!) verleiht, sieht man auf dem roten Teppich, an Glenn Close bei den Oscars und Billy Porter bei den Golden Globes 2019, die alle Blicke auf sich ziehen. Genauso aber auch an Powerfrauen wie Oprah Winfrey, die Capes ganz selbstverständlich in ihre Alltagsmode integrieren und sich so still und leise zum großen Auftritt verhelfen.

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Dass der Superhelden-Umhang dank ausgedehnter Bewegungsfreiheit und dem Fokus auf Schultern und Rücken ein echtes Lieblingsteil für Schwangere ist (wie Herzogin Meghan und schon zuvor ihre Schwägerin Kate, Model Chrissy Teigen und jüngst auch die schwangere Miranda Kerr bewiesen): geschenkt. Schließlich dürfte längst hinreichend bekannt sein, dass jede schwangere Frau eine Superheldin ist.

Kleiner Cape-Guide für (angehende) Superheldinnen

Beim Tragen von Capes, also den klassischen Umhängen, kann man wenig falsch machen – lediglich Material, Farblichkeit und Figurbetontheit des „Darunter“ sollte ein passendes Gegenstück zum lockeren „Darüber“ bilden. Vom wärmenden Cape zum heißen Cape-Dress sind es stofflich gesehen zwar nur wenige Zentimeter, bei letzterem stellt sich jedoch heraus, ob man in Sachen Styling eher als Pippi Langstrumpf oder als Captain Marvel wahrgenommen wird.

Hier die drei Grundregeln:

1. Der Schnitt eines Cape-Dresses oder einer Cape-Robe mixt eng anliegende Elemente mit dem perfekten „Flow“ – entsprechend gut bzw. maßgeschneidert sollte das Kleid sitzen.

2. Auch das Material des Capes (oft Seide oder Satin) ist nur aufs perfekte „Fließen“ ausgelegt – die Trägerin (oder der Träger) sollte also strengstens darauf achten, dass weder Schmuck noch aufwendige Nail Art diesen Flow stören. Wer sich im Stoff verhakt, verliert.

3. Attitude ist alles: Cape-Dresses müssen mit Würde, Eleganz und einem kerzengeraden Rücken getragen werden. Schultern zurück, Brust raus – ganz besonders dann, wenn man sich eigentlich gar nicht nach Superkräften fühlt. Und immer dran denken: Am Ende des Tages war auch Rotkäppchen eine Superheldin – sie wusste es vorher nur noch nicht.

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