Woher kommt plötzlicher Juckreiz und was kann man dagegen tun?

Dermatologe Dr. Christoph Liebich im exklusiven Interview

Frau kratzt sich am Arm
Juckreiz kann je nach Intensität und Dauer ziemlich lästig sein und verschiedene Ursachen haben. (Foto: Getty Images)

Bei chronischen Hautkrankheiten wie Neurodermitis gehört meist auch ein starker und unangenehmer Juckreiz zum Leiden der Patient*innen. Dieser tritt vor allem dann auf, wenn das Gleichgewicht des natürlichen Mikrobioms auf der Haut gestört wird. Schon zuvor bekannt war die Rolle des Bakteriums Staphylococcus aureus, das sich vermehrt ausbreiten und das lästige Jucken verursachen kann.

In einer neuen Studie haben Forscher*innen der Harvard Medical School jetzt herausgefunden, dass der Juckreiz vor allem von dem Enzym V8 ausgelöst wird, welches das Bakterium ausscheidet. Dieses aktiviert wiederum das Protein PAR1 auf der Oberfläche von Nervenfasern, was die Patient*innen zudem berührungsempfindlicher macht. Gegenüber Yahoo Life erklärt der Dermatologe Dr. Christoph Liebich, was auch bei ansonsten gesunden Menschen Juckreiz auslösen kann und wie man dem am besten vorbeugt.

Wie hängen Juckreiz und das Mikrobiom der Haut zusammen?

Dr. Christoph Liebich: Bei der Hautflora ist es immer wichtig, dass wir das Mikrobiom erhalten. Auf der Hautoberfläche befindet sich eine Vielfalt von Bakterien, Pilzen, Viren und so weiter. Wenn sie ins Ungleichgewicht gerät, können gewisse Bakterien überwuchern, die dann Entzündungsreaktionen verursachen. In diesen gesamten Themenkomplex gehört auch der Juckreiz.

Wie kann es zu einem solchen Ungleichgewicht kommen?

Die Bakterien bekämpfen sich gegenseitig, weil sie auf der Haut ihre Nährstoffe bekommen. Die Hautbarriere hat eine Schutzfunktion. Wenn aber aufgrund einer Barrierestörung oder einer anderen Funktionsstörung ein Bakterium die Überzahl gewinnt, wobei gerade bei Neurodermitikern die Hautabwehr nicht so gut ist, kann ein Bakterium übersiedeln und überwuchern. In der Neurodermitis-Therapie versuchen wir, mit Ansätzen wie silberhaltigen Cremes zu verhindern, dass es zu einer Überwucherung von Staphylococcus aureus kommt und die Haut insgesamt gesund erhalten bleibt.

Kann das auch bei Menschen ohne chronische Hauterkrankung wie Neurodermitis passieren?

Ja. Wenn jemand eine solche Staphylococcus aureus-Besiedelung bekommt, läuft das eher in einer Infektionskrankheit ab. Es kommt einfach zu einer Infektion der Haut. Manche kennen das von Kindern, die dann eine honiggelbe Kruste um den Mund haben.

Was könnte ansonsten dahinterstecken, wenn jemand ohne bekannte Hautkrankheit auf einmal Juckreiz bekommt?

Juckreiz kann viele Ursachen haben. Das können Parasiten sein, wobei man natürlich an Hautmilben wie die Krätze denken muss. Aber auch an andere Parasiten wie Flöhe oder Läuse können dafür verantwortlich sein. Jucken kann auch jede Form des Hautausschlages, zum Beispiel als allergische Reaktion auf einen Kontaktstoff sein.

Gerade an den Unterschenkeln kann die Haut schnell trocken werden - und dann auch jucken. Die richtige Pflege ist daher wichtig. (Foto: Getty Images)
Gerade an den Unterschenkeln kann die Haut schnell trocken werden - und dann auch jucken. Die richtige Pflege ist daher wichtig. (Foto: Getty Images)

Daneben kann auch eine schlecht gepflegte und damit zu trockene Haut Juckreiz erzeugen. An den Unterschenkeln zum Beispiel haben wir nur wenige Talgdrüsen. Wenn deren Produktionsqualität dann im Winter zusätzlich abnimmt, wird die Haut sehr trocken und das erzeugt Juckreiz. Es gibt aber auch Erkrankungen wie die Nesselsucht, die Juckreiz erzeugen können. Bei Blutkrebs kann in Zusammenhang mit Alkohol Juckreiz entstehen. Es gibt also die verschiedensten Ursachen. Und natürlich kann Juckreiz auch einfach so auftreten.

Wann sollte man bei Juckreiz einen ärztlichen Rat einholen?

Ich würde zuerst abwarten, ob es eine Besserung bringt, die Haut mit einer reichhaltigen Pflege zu versorgen. Wenn ich dann nach ein paar Tagen keine Besserung bemerke, würde ich auf jeden Fall zum Hautarzt gehen.

Was ist die häufigste Ursache, wenn Menschen mit unspezifischem Juckreiz zu Ihnen kommen?

Trockene Haut.

Wie sollte man seine Haut am besten pflegen, damit sie gar nicht erst trocken wird?

Im Winter besteht auf jeden Fall mehr Pflegebedarf, weil die Haut jenseits der 7 Grad ihre Eigenfettproduktion reduziert. Dann kommt noch die trockene Heizungsluft dazu. Und mit zunehmendem Alter nehmen außerdem die Quantität und Qualität der Talgdrüsen ab. Man muss im Winter also mit einer reichhaltigen Creme gegenschmieren. Nicht mit Bodymilch, die enthält zu viel Wasser. Besser ist etwas Fettiges, Schweres. Dann ist es wichtig, genug zu trinken. Bei der Ernährung helfen fettiger Seefisch und buntes Obst und Gemüse. Man sollte zudem nicht zu heiß duschen, weil das entfettet, und vielleicht statt einem Duschgel ein Duschöl verwenden.

Dr. Christoph Liebich arbeitet als niedergelassener Dermatologe in München. (Foto: Harry Stahl)
Dr. Christoph Liebich arbeitet als niedergelassener Dermatologe in München. (Foto: Harry Stahl)

Unser Yahoo-Experte: Dr. Christoph Liebich

Dr. Christoph Liebich ist Inhaber und ärztlicher Leiter der Hautarztpraxis Dermazent – Dermatologie im Zentrum in München. Die Praxis deckt nahezu das gesamte Spektrum von klassischer und operativer Dermatologie bis hin zur Ästhetik ab. In ausgelagerten Praxisräumen befindet sich die Abteilung für dermatologische Kosmetologie OVID- medical and beauty care.