Anhaltende Proteste in Textilfabriken: Was steckt hinter den Labeln in unserem Kleidungsschrank?

Hannah Klaiber
Freie Journalistin

Nach dem Brand in einer Fabrik in Bangladesch 2013 erklärten sich viele große Unternehmen wie H&M, Zara und Co. bereit, die Arbeitsbedingungen in der globalisierten Textilbranche zu verbessern. Doch halten die Labels wirklich, was sie versprechen, und ist Fairtrade wirklich fair? Yahoo Style hat nachgeforscht.

Wurden all unsere Klamotten unter fairen Bedingungen hergestellt? (Symbolbild: Getty Images)

Im Frühjahr 2013 starben mehr als 1.100 Menschen beim Zusammenbruch der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch. Die Anteilnahme war überall in den Nachrichten und in den sozialen Netzwerken zu spüren, das Unglück ist zum Symbol für die Missstände in der Textilproduktion geworden und viele Verbraucher und Verbraucherinnen begannen, ihr eigenes Konsumverhalten zu überdenken.

Gleichzeitig erklärten sich viele große Unternehmen wie H&M, Zara und Benetton bereit, die Missstände in der Produktion – unterdurchschnittliche Löhne, zu lange Arbeitstage, ungeschützter Umgang mit Chemikalien und fehlende Sicherheitsbestimmungen – ändern zu wollen.

Trotz allem haben Anfang des Jahres, sechs Jahre nach dem Einsturz des Rana Plazas, erneut tausende Textilarbeiterinnen in Bangladesch für eine bessere Bezahlung protestiert. Nach Polizeiangaben mussten wegen der Streiks rund 50 Fabriken zeitweise schließen. Die Regierung erhöhte in Folge dessen den Mindestlohn. Doch es stellt sich die Frage, inwieweit die großen Marken ihre Versprechen bezüglich fairer Bedingungen für die Arbeiter einhalten?

Textilarbeiterinnen in Bangladesch kämpfen immer noch für bessere Arbeitsbedingungen (Bild: AP)

Das Problem bei herkömmlicher Kleidung: Das eingenähte Etikett gibt lediglich Informationen über die verarbeiteten Fasern, Pflegehinweise und das Produktionsland preis. Verbraucher erfahren also nicht, ob das Teil unter fairen Bedingungen produziert wurde. Bei den Preisen der Billigkleidung von H&M, Zara und Co. ist das kaum vorstellbar. Auch die “Kampagne für saubere Kleidung“ kommt zu dem Schluss, dass führende Textilunternehmen nur wenig tun, um sicherzustellen, dass den ArbeiterInnen in den Lieferketten ein gerechter Lohn bezahlt wird.

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Konventionelle Baumwolle wird zudem mit riesigen Mengen Pestiziden behandelt, bei der Produktion kommen Arbeiter und Umwelt mit giftigen Chemikalien in Berührung. Besser ist es also, Kleidung aus Bio-Baumwolle zu kaufen. Die gibt es mittlerweile auch bei den großen Fast-Fashion-Herstellern. So wirbt etwa C&A damit, der “größter Hersteller von Biobaumwolle” zu sein, H&M hat seine Conscious-Kollektion und Mango seine "Committed Collection".

Die Bezeichnung “Bio“ steht hier allerdings nur für den Anbau. Wie bei der konventionellen Kleidung erfahren Käufer nichts über die Arbeitsbedingungen oder umwelt- und gesundheitsschädliche Textilchemikalien. Hinzu kommt, dass die konzerneigenen Siegel häufig auf eine unabhängige Kontrolle verzichten. Ganz anders sieht die Situation bei Öko-Textilsiegeln aus, die sich meist auf Fairtrade Kleidung finden lassen.

Was ist Fairtrade Kleidung?

Unter diesem Begriff versteht man Klamotten, die aus Biomaterialen gefertigt wurden und bei der alle am Herstellungsprozess beteiligten Personen fair bezahlt wurden. Darüber hinaus gelten bei der Produktion von Fairtrade Kleidung strenge Umweltvorschriften.

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Woran erkennt man Fairtrade Kleidung?

Die wichtigsten Siegel für Bio-Baumwolle sind das GOTS- und das IVN Best-Siegel, die beide auch soziale Mindeststandards in der Produktion garantieren. Für eine faire Entlohnung der Baumwollbauern steht das Siegel FairTrade Certified Cotton. Einige Hersteller sind zudem Mitglied in der Fair Wear Foundation, die sich besonders für die Rechte der Textilarbeiter einsetzt. Darunter ist zum Beispiel das Kölner Modelabel ARMEDANGELS. Pressesprecherin Katia Winter erklärt:

“Wir als ARMEDANGELS wollen zeigen, dass Mode auch anders geht – ECO & FAIR. Deshalb verwenden wir ausschließlich nachhaltige Materialien und setzen uns für faire Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung für die Menschen ein, die ARMEDANGELS ausmachen. Ganz egal ob Baumwollbauer in Indien, Näherin in der Türkei oder Designer in Köln. Hier ist uns auch der enge Kontakt wichtig. Deshalb sind unsere Nachhaltigkeitsmanagerinnen regelmäßig in unseren Produktionsstätten unterwegs und tauschen sich mit unseren Partnern aus.”

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Dass Unternehmen wolle die Einhaltung seiner Standards zusätzlich durch unabhängige Partner sicherstellen und sei deshalb nicht nur Mitglied der Fair Wear Foundation, sondern habe seit 2011 außerdem alle Prozesse seiner Lieferkette auf GOTS umgestellt. “In unseren Augen schließen sich nachhaltige Materialien, faire Arbeitsbedingungen und gutes Produktdesign nicht aus. Wir wollen aufrütteln, möglichst viele Menschen mit unserer Message erreichen und zeigen, dass jeder eine Wahl hat”, so Winter.

Das Beispiel von ARMEDANGELS zeigt, dass Mode auch transparent, fair und umweltfreundlich produziert werden kann.

Worauf sollten Verbraucher beim Kauf achten?

Generell sollten wir weniger kaufen, dafür aber qualitativ hochwertige Kleidung aus Biomaterialien mit entsprechenden Öko-Textilsiegeln.

Wo kann ich Fairtrade Kleidung kaufen?

Fairtrade Kleidung gibt es in zahlreichen kleinen Läden und Boutiquen in einzelnen Städten sowie in Online-Shops.

Wie gut ist Made in Europe?

"Made in China", "Made in Kambodscha", "Made in Bangladesh" – mittlerweile haben viele Verbraucher ein Bewusstsein dafür, dass Kleidung mit diesen Siegeln unter miserablen Bedingungen produziert wurde. Das nutzen viele große Modeketten aus und lassen ihre Kollektionen in Ost- und Südosteuropa herstellen. Laut der “Kampagne für saubere Kleidung“ leiden aber auch dort zahlreiche ArbeiterInnen unter Hitze und gefährlichen Chemikalien, sehr schlechten hygienischen Bedingungen, unbezahlten und unerlaubten Überstunden sowie respektloser Behandlung durch Vorgesetzte.

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Ist teure Markenkleidung nachhaltiger produziert?

Nein, teure Kleidung liefert leider keine Garantie für gute Arbeitsbedingungen. Oftmals werden die Klamotten von Luxusmarken in denselben Fabriken wie die der Billigmodeketten hergestellt.

Fazit: Seit dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch hat sich für die Arbeiterinnen kaum etwas getan. Sie zahlen den Preis dafür, dass wir Mode immer billiger einkaufen wollen. Wir als Kunden sollten also nicht auf die vermeintlichen Versprechen großer Hersteller wie H&M, Zara, Mango und Co. reinfallen, sondern sie mit Boykott zum Umdenken bewegen.

Eine Vision, wie sie der Öko-Onlineshop Greenality beschreibt:

“Eine Welt, in der fair und nachhaltig hergestellte Bekleidung keine Besonderheit, sondern eine Selbstverständlichkeit ist. Eine Welt, in der die Menschen, die unsere Lieblingsanziehsachen mit ihren Händen erschaffen, nicht hungern müssen, einen gerechten Lohn erhalten und ein Leben in Würde leben können. Eine Welt, in der Tiere und Natur nicht darunter leiden müssen, dass wir in unserer heutigen Konsumgesellschaft ein modisches Kleidungsstück nach dem anderen haben wollen.“

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