Heuschnupfen? 9 Fragen zu Allergie-Medikamenten

Berlin/Köln (dpa/tmn) - Heuschnupfen, das klingt niedlich und harmlos. Alle mit einer Pollenallergie wissen aber: Das ist er nicht.

Bei der einen sind die Nächte katastrophal, weil die Nase durchgehend dicht ist. Der andere hat in der Pollensaison bei jeder Autofahrt Angst, vom endlosen Niesen überfallen zu werden. Und viele kennen sie: Den großen Wunsch, im Grünen unterwegs zu sein, ohne dass das Immunsystem «Alarmstufe Rot» signalisiert.

Denn genau das tut die körpereigene Abwehr von Allergikerinnen und Allergikern, wenn umherfliegende Pollen auf Schleimhäute treffen. Der Körper wehrt sich - mit einer laufenden Nase, mit tränenden und juckenden Augen, mit Niesen. Aber es gibt Medikamente, die diese Reaktionen unterbinden. Fragen und Antworten dazu.

Wie funktionieren solche antiallergische Medikamente überhaupt?

Dafür muss man wissen, wie im Körper eine allergische Reaktion entsteht. Genauer gesagt: dass der Botenstoff Histamin dabei eine entscheidende Rolle spielt. «Er wird bei Allergien immer wieder in Haut und Schleimhäuten ausgeschüttet», erklärt Allergologe Prof. Torsten Zuberbier von der Berliner Charité.

Damit dieser Botenstoff eine allergische Reaktion auslösen kann, muss er an bestimmte Rezeptoren andocken können. Allergie-Medikamente, sogenannte Antihistaminika, unterbinden das. Torsten Zuberbier vergleicht ihren Wirkmechanismus gern mit der Kindersicherung an der Steckdose. «Der Stecker passt dann nicht mehr rein, das Histamin wird unschädlich.»

Antihistaminika gibt es als Tabletten, aber auch als Augentropfen oder Nasensprays. Der Unterschied: Tropfen und Sprays wirken in aller Regel lokal, während Tabletten erst einmal vom Körper aufgenommen werden müssen, der Wirkstoff an den Ort des Geschehens transportiert werden muss. So erklärt es Armin Hoffmann, Präsident der Apothekerkammer Nordrhein.

Wie gut wirken Antihistaminika - und wo kommen sie an ihre Grenzen?

Antihistaminika wirken Torsten Zuberbier zufolge gut gegen Niesanfälle, gegen eine laufende Nase, gegen das Kribbeln. Eine Schwachstelle haben sie aber: «Sie wirken aber weniger gut bei einer verstopften Nasenatmung. Hier kommen als zusätzliche Therapie antiallergische Nasensprays zum Zuge.»

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Infografik: Das Leiden der Allergiker | Statista
Infografik: Das Leiden der Allergiker | Statista

Diese Sprays machen sich die Wirkung von Kortison zunutze, einem Hormon, das antientzündlich wirkt. «Es wirkt auf alle Entzündungsreaktionen in der Nasenschleimhaut ein, führt also dazu, dass die Abwehrzellen insgesamt weniger aktiv sind», sagt Zuberbier. So wird Durchatmen wieder möglich. Es gibt auch Medikamente, die die Wirkweisen von Antihistaminika und Kortison kombinieren.

Welches Medikament ist das Richtige für mich?

In der Gruppe der Antihistaminika gibt es verschiedene Wirkstoffe. Sie heißen zum Beispiel Bilastin, Cetirizin, Desloratadin oder Fexofenadin. Viele Präparate bekommt man ohne Rezept in der Apotheke.

Ganz auf eigene Faust durchprobieren? Das hält Apotheker Armin Hoffmann für keine gute Idee. «Bei einer Pollenallergie sollte man sich immer in der Apotheke beraten lassen.» Die Fachleute vor Ort fragen zum Beispiel ab, wie sich die Beschwerden genau äußern und wissen, welches Präparat individuell gut helfen kann. «Meist steigt man mit einem niedrig dosierten Antihistaminikum ein», sagt Hoffmann. Weil jeder Körper anders tickt, ist es aber möglich, dass erst das zweite oder dritte Medikament, das man probiert, wirklich Linderung bringt.

Kann ich mir den Arztbesuch mit meiner Pollenallergie also sparen?

Es gibt gute Gründe, nicht nur auf die Selbstmedikation zu setzen, sondern einen Arzt oder eine Ärztin mit ins Boot zu holen. Und zwar nicht nur, weil Fachleute eine Diagnostik anstoßen und feststellen können, ob sich bereits ein allergisches Asthma entwickelt hat.

Ein weiterer Grund: Man muss die frei verkäuflichen Allergie-Medikamente dann womöglich nicht aus eigener Tasche zahlen. «Diese Präparate dürfen auch zulasten der gesetzlichen Krankenkasse verschrieben werden, wenn schwere Symptome vorliegen», sagt Torsten Zuberbier. Schwere Symptome liegen vor, wenn etwa die Leistungsfähigkeit im Alltag wegen der Allergie einknickt oder der Schlaf leidet.

Stimmt es, dass Antihistaminika müde machen?

Früher, bei den Antihistaminika der ersten Generation war das eine starke Nebenwirkung. Dafür muss man wissen: Nach dem Einnehmen einer Tablette verteilen sich die Wirkstoffe im Körper. Dabei blockieren sie nicht nur die Histamin-Rezeptoren in den Schleimhäuten von Nase und Augen, sondern wirken zum Beispiel auch auf das zentrale Nervensystem, wie Apotheker Armin Hoffmann erklärt. Die Folge bei den älteren Präparaten: Müdigkeit und Schläfrigkeit.

Frau benutzt Nasenspray
Antihistaminika helfen gegen Nasensprays (Symbolbild: Getty Images)

Die Präparate, die mittlerweile in Apotheken verkauft werden, sind jedoch Antihistaminika der zweiten und dritten Generation. Sie sind so weiterentwickelt worden, dass sie zum einen weniger an die Rezeptoren des zentralen Nervensystems gehen, so Hoffmann. Zum anderen sind sie potenter, können also niedriger dosiert werden.

Dass die Allergietablette müde macht, lässt sich aber dennoch nicht ausschließen: «Bei einem Arzneimittel gilt immer: Es ist ein fremder Stoff im Körper, das kann immer zu Nebenwirkungen führen. Aber prinzipiell sind Antihistaminika nebenwirkungsarm.» Vorausgesetzt natürlich, man überschreitet die empfohlene Dosis nicht.

Jeden Tag oder nur bei Bedarf: Wann nehme ich die Medikamente?

Es gibt einen Fehler, den viele mit einer Pollenallergie machen: Sie schlucken die Allergietablette erst in dem Moment, in dem die Augen brennen oder die Nase läuft.

In der Saison sollte man antiallergische Tabletten allerdings vorbeugend jeden Tag einnehmen, also nicht nur bei Bedarf. «Sonst laufen Sie dem Geschehen hinterher. Denn: Die Histamin-Rezeptoren werden immer empfindlicher und damit werden die Beschwerden stärker im Laufe der Zeit», sagt Torsten Zuberbier.

Auch kortisonhaltige Nasensprays sollten vorbeugend eingenommen werden. In aller Regel sprüht man sie zweimal pro Tag in die Nase.

Und wann im Jahr fange ich mit den Antihistaminika an?

«Es kann nicht schaden, zwei Wochen vor der erwarteten Saison zu beginnen», rät Torsten Zuberbier. «Denn oft sind dort, wo man lebt, doch schon Allergene in der Luft, auch wenn die Pollenflug-Messstationen noch nichts anzeigen.» Einen Überblick geben Allergen-Kalender und die Pollenflugvorhersage des Deutschen Wetterdienstes.

Zu welcher Tageszeit nehme ich Antihistaminika am besten ein?

Die modernen Antihistaminika wirken 24 Stunden lang. «Allerdings haben sie ihre hauptsächliche Wirkung in den ersten zwölf Stunden», sagt Zuberbier. «Diejenigen, die eher nachts Beschwerden haben, können überlegen, die Tablette eher am Abend zu nehmen.» Wer eher am Tag Probleme hat, nimmt die Tablette am besten am Morgen.

Was kann ich tun, wenn die Pollenallergie mich trotz Medikamenten weiterhin quält und quält?

Unbedingt einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen - und bitte nicht aufgeben. «Dass man es nicht behandeln kann, das gibt es nicht», sagt Torsten Zuberbier. Der Arzt oder die Ärztin kann prüfen, ob andere - möglicherweise rezeptpflichtige - Medikamente helfen können. Und vor allem: ob eine sogenannte Hyposensibilisierung sinnvoll ist, also an eine Therapie, die die Pollenallergie an ihrer Wurzel packt.