Ist Kleidung aus recyceltem Material wirklich nachhaltiger?

·Freie Journalistin
·Lesedauer: 4 Min.

Greenwashing bedeutet, dass etwas als nachhaltig deklariert ist, obwohl es die Kriterien nicht wirklich erfüllt. Es ist eine PR-Methode, die ein Unternehmen grüner aussehen lässt als es tatsächlich ist. Doch wie verhält sich das mit recyceltem Material?

Noch vor der Frage, was man anziehen soll, steht die, welche Kleidungsstücke man überhaupt kaufen sollte. (Bild: Getty Images)
Noch vor der Frage, was man anziehen soll, steht die, welche Kleidungsstücke man überhaupt kaufen sollte. (Bild: Getty Images)

Das Gewebe in unserer Kleidung kann sich in den verschiedensten Formen zeigen und tarnen. Es kann die Struktur von Wolle, die Leichtigkeit von Leinen oder die Glätte von Seide annehmen. Dieses Gewebe ist in zwei Drittel unserer Kleidung enthalten – und es ist ein großes Problem. Denn es besteht zu großen Teilen aus Plastik. Und wir sehen es noch nicht einmal. Heutzutage wird 69 Prozent unserer Kleidung aus synthetischen Fasern hergestellt – inklusive Elastan, Nylon und Acryl. Polyester ist mit 52 Prozent das beliebteste Material in der Produktion. Die einzigartige Haltbarkeit von Mikroplastik ist aus der Fashion-Industrie also nicht mehr wegzudenken.

Klimasünder Mikrofaser

Die Herstellung geht allerdings zu Lasten unseres Klimas. Synthetische Kunstfasern werden aus Erdöl hergestellt. Die Textilproduktion verbraucht 1,5 Prozent der weltweiten Ölproduktion und trägt damit zur schlechten Klimabilanz der Modeindustrie bei. Zudem werden beim Waschen der Kleidung die Mikrofasern in den Kunststoffen an die Umwelt abgegeben, indem sie in unser Wasser gelangen.

Aus diesem Grund wechseln immer mehr Modemarken nun zu recycelten Versionen von synthetischen Fasern. Die Kleidung, die daraus entsteht, wird dann oft als "nachhaltig" beworben. Dies scheint zunächst ökologisch gesehen sinnvoll zu sein, da zumindest keine neuen Fasern produziert werden und somit nicht noch mehr Plastik in die Umwelt gerät. Doch Experten glauben, dass damit nur die Umweltsünden der Modeindustrie überdeckt werden. Also eigentlich Greenwashing betrieben wird.

Recycelt ist nicht gleich nachhaltig

Meist wird das recycelte Polyester aus den bekannten PET-Plastikflaschen bezogen. Schätzungen zeigen, dass dieses Polyester die Emissionen um bis zu 32 Prozent reduzieren könnte. Die Modemarkte Nike etwa ist der branchenweit größte Verbraucher von recyceltem Polyester. So werden durchschnittlich mehr als eine Milliarden Plastikflaschen pro Jahr von der Mülldeponie abgezogen. Und viele großen Marken wie H&M und Gap Inc ziehen nach. Sie haben es sich zum Ziel gesetzt bis 2025 ihren Anteil an recyceltem Polyester auf 45 Prozent zu steigern. Aber das bedeutet nicht, dass recyceltes Polyester die "Wunderwaffe" gegen den Klimawandel sei, sagt Alice Hartley vom Unternehmen Gap Inc gegenüber dem "Guardian". So achtet das Unternehmen bewusst darauf, auf die Formulierung "nachhaltige Kleidung" verzichten, denn das wäre irreführend.

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Der Weg zur
Der Weg zur "grünen" Mode ist noch weit. (Bild: Getty Images)

Das Problem ist, dass der Begriff "recycelt" automatisch mit "nachhaltig" gleichgesetzt wird. Vor allem, weil andere Marken es bewusst ausnutzen und ihre Kleidung als nachhaltig bezeichnen, wenn sie recyceltes Material verwenden. Aber das Mikroplastik-Problem werde laut Hartley dadurch noch nicht gelöst. Denn die Plastikflaschen, die für die Produktion von Kleidung verwendet werden, fehlen dann wieder an anderer Stelle. Gerade wenn sie für Kleidung verwenden werden, die aufgrund von geringer Qualität schnell weggeworfen wird, kann das ihren Weg zu Deponie sogar noch beschleunigen. Die meisten Kleidungsstücke hingegen werden nicht mehr recycelt.

Garn aus Mais und Weizen

Eine Lösung wäre daher, die Textilien selbst zu recyceln, allerdings gibt es dafür noch keine kommerzielle Technologie. Eine Lieferkette dafür müsse, laut Hartley, erst noch aufgebaut werden.

Eine andere Möglichkeit, die Umwelt zu schonen, liegt darin, ganz von den fossilen Brennstoffen und der Produktion von Mikrofasern wegzukommen. Dafür müssten alternative Kunststoffe gefunden werden. Das Unternehmen "Kintra Fibers" etwa hat biobasierte Fasern aus Weizen und Mais entwickelt, die vollständig in der Natur abgebaut werden können. 

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Im Jahr 2020 hat sich Kintra mit der Bekleidungsmarke Pangai zusammengeschlossen, um die Produktion des kompostierbaren Garns anzukurbeln. 2022 will das Unternehmen die erste Kleidung aus Kintra-Fasern auf den Markt bringen.

Nur nachhaltiger Konsum kann helfen

Doch laut der Experten kann nur ein bewusster und nachhaltiger Konsum das komplexe Kunststoffproblem in der Modeindustrie auf lange Sicht vollständig lösen. Im Moment herrsche immer noch eine massenhafte Überproduktion von Kleidung. So müsse sich die Branche in Zukunft vor allem darauf fokussieren, die Wachstumsraten der Bekleidungsproduktion zu verlangsamen. Die Menschen müssen zudem weniger kaufen und ihre Sachen länger behalten.

Dafür braucht es mehr Regulierungen und verbindliche Maßnahmen. Denn bisher ist die Modeindustrie noch eine der am wenigsten regulierten Branchen.

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