Recycling: Wie aus Plastikflaschen und Co. neue Klamotten werden

Larissa Kellerer
Freie Autorin

Outdoor-Jacken, Taschen und Jeans aus Plastikabfall: Immer mehr Modemacher setzen auf nachhaltig produzierte Produkte aus recycelten Stoffen oder PET-Flaschen. 2016 glänzte Schauspielerin Emma Watson auf der Met Gala sogar in einer Calvin-Klein-Robe aus recycelten Plastikflaschen. Doch wie werden aus PET-Flaschen neue Klamotten, bei denen man gar nicht glauben kann, dass sie aus Kunststoff sind? Und wie sieht die Ökobilanz von Recycling-Mode aus? Yahoo Style hat mit einem Experten gesprochen.

Emma Watson in einem schicken Abendkleid, das aus recycelten Plastikflaschen besteht (Bild: Getty Images)

PET - Das steht für den Kunststoff Polyethylenterephthalat, der aus Erdöl hergestellt unter anderem für die Produktion von Plastikflaschen verwendet wird. Unzählige dieser Wasser-, Saft- und Limonadenflaschen werden täglich in deutsche Supermärkte zurückgebracht. Dieses Pfandsystem, das im Jahr 2003 eingeführt wurde, sorgt zwar dafür, dass immer weniger Plastikflaschen im Müll oder im schlimmsten Fall in der Umwelt landen. Dennoch besteht etwa 75 Prozent der bis zu zehn Millionen Tonnen Müll, die jährlich in die Meere gespült werden, aus Kunststoff. Bis zur völligen Zersetzung des Kunststoffmülls können 350 bis 400 Jahre vergehen.

Gehen wir davon aus, dass die Plastikflasche ordnungsgemäß am Automaten zurückgebracht wird, kann sie bis zu 15 Mal neu befüllt werden. Flaschen, die nicht mehr wiederverwendbar sind, werden teilweise recycelt - zu Möbeln, Haushaltsprodukten oder eben zu stylishen Klamotten.

Gut zu wissen: Wie oft können PET-Flaschen recycelt werden?

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Dazu werden die Plastikflaschen gereinigt, sortiert und zu sogenannten PET-Flakes verarbeitet, die anschließend zermahlen und erhitzt werden. Der geschmolzene Kunststoff wird dann mit einer Spritzdüse in Fäden gezogen, die anschließend zu Fasern verwoben werden. Ein Kilo dieses Polyamid- oder Polyestergarns enthält rund acht PET-Flaschen.

Einer, der dieses Verfahren nutzt und sich die Entmüllung der Meere auf die Fahne geschrieben hat, ist Javier Goyeneche. Der Spanier gründete im Jahr 2009 das Label Ecoalf, das im Rahmen des Ecoalf Ozeanprojekts Fischernetze, PET-Flaschen und alte Autoreifen in Polyamidgarn verwandelt und zu Kleidung und Accessoires verarbeitet.

Das Label Ecoalf hat sich der Entmüllung der Ozeane verschrieben (Bild: Ecoalf)

Auch große Luxus-Labels arbeiten mit Plastikmüll. Vor drei Jahren etwa trug Schauspielerin Emma Watson zur Met Gala in New York eine Recycling-Robe von Calvin Klein, die in Zusammenarbeit mit Eco-Age entstand. Der Stoff besteht hauptsächlich aus Newlife – einem Garn, das aus zu 100 Prozent benutzten Plastikflaschen besteht.

Wanderlust und Klimaschutz

Einer der Vorreiter in Sachen Kunststoffklamotten ist Patagonia. Schon im Jahr 1993 brachte das kalifornische Outdoor-Unternehmen Fleecejacken aus recycelten PET-Flaschen auf den Markt.

Die Fleecejacken von Patagonia bestehen aus 100 Prozent Recycling-Polyester (Bild: Patagonia)

Heutzutage besteht Patagonia zufolge 69 Prozent der Kollektion aus recyceltem Material. Die “Better Sweater“-Linie der Firma wurde kürzlich sogar komplett auf Recycling-Materialen umgestellt, die Fleecejacken bestehen jetzt aus 100 Prozent Recycling-Polyester. Ebenso die “Black Hole“-Taschen, die aus wiederaufbereitetem Polyester und Nylon gefertigt sind. Neuwertig ist bei beiden Beispielen einzig der Zipper.

Auch die Black-Hole-Taschen von Patagonia bestehen aus recyceltem Material (Bild: Patagonia)

Aktuell vollzieht Patagonia einen Übergang zur gänzlichen Verwendung von erneuerbarer und recycelter Materialen. Das Unternehmen schreibt dazu auf seiner Website: “Durch die Verwendung von Recycling-Polyester verringern wir unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und sorgen dafür, dass Plastikflaschen nicht auf der Deponie landen.“

Weniger Müll bedeutet außerdem, dass Verbrennungsanlagen weniger giftige Emissionen verursachen. Rund 1,2 Milliarden Tonnen CO2 bläst die Bekleidungsindustrie pro Jahr in die Luft – das sind laut Patagonia so viele Emissionen wie internationale Flüge und die Seeschifffahrt zusammen erzeugen.

Kritik an den Kunststoffklamotten

Die in Deutschland eingesammelten Flaschen werden größtenteils nach China verschifft, dem Marktführer auf dem Gebiet des Textil-Recyclings. Das Problem: Schiffe sind für einen großen Teil der Schwefeloxid-Schadstoffe in den Ozeanen verantwortlich.

Ein weiteres Argument der Kritiker ist, dass die Mode aus recyceltem Plastik in der Waschmaschine Mikroplastik-Partikel ins Wasser abgeben, die wiederum in Flüssen und Meeren landen.

Echtes Recycling oder reiner Schmu: Was machen Firmen wie H&M mit den alten Klamotten?

Das deutsche Umweltbundesamt hingegen widerspricht dieser Behauptung und erklärt in einem Podcast von “Deutschlandfunk“, dass die hiesigen Kläranlagen sehr effizient arbeiten und es keine belastbaren Daten dazu gibt, wie viele Fasern tatsächlich über das Abwasser in die Gewässer fließen.

“Es ist natürlich immer gut, Müll wieder einzusammeln. Oft, wenn man die Kunstfasern recycelt, konzentrieren sich auch die Schadstoffe darin. Und das kann am Ende auch wieder so ein Gegeneffekt sein. Das muss man auch gut ausbalancieren. Als Beispiel sag ich mal Antimon, ist ja auch ein gefährlicher Stoff, der in Polyester enthalten ist, und durch dieses Recycling wird der halt konzentriert“ erläutert Brigitte Zietlow, Expertin des Amtes für Textilien, im Gespräch mit dem Hörfunkprogramm.

Zudem lässt sich die Ökobilanz der Recycling-Verfahren sehen. Im Vergleich zu herkömmlichen Chemiefasern oder konventionell erzeugter Baumwolle, die mit viel Dünger und Pflanzenschutzmittel angebaut wird, ist der Chemikalien-, Energie- und vor allem der Wasserverbrauch um ein Vielfaches geringer.

Ein Rucksack aus der "Eco Series" von Johnny Urban (Bild: Johnny Urban)

Nachhaltigkeit wird immer mehr zum Trend

Eine bessere Qualität haben die Klamotten aus Plastikmüll und PET-Flaschen zwar meist nicht. Dafür setzen sich Anbieter von recycelten Stoffen häufig mit Themen wie Schadstoffen auseinander, erklärt Timm von Dressler, Geschäftsführer der Ecom Brands GmbH, auf Anfrage von Yahoo Style.

Das Hamburger E-Commerce Start-Up vertreibt unter anderem die Marke Johnny Urban, deren Rucksäcke und Taschen der “Eco Series“ PFC-frei imprägniert sind. PFC ist eine Chemikalie die im Verdacht steht, das Erbgut zu schädigen und krebserregend zu sein. Gelangt PFC einmal in die Umwelt, baut es sich nicht mehr ab.

Die Produkte von Johnny Urban sind nicht nur stylish, sondern auch umweltschonend (Bild: Johnny Urban)

Die Produkte der besagten Johnny-Urban-Kollektion sind darüber hinaus aus 100 Prozent recycelten PET-Flaschen hergestellt. Und sie sehen nicht nur stylish aus, sie können auch guten Gewissens gekauft werden.

Weitergedacht: Welche Alternativen gibt es zur Plastikverpackung?

“Wir glauben, dass eine gewisse Nachhaltigkeit für eine immer größer werdende Kundengruppe mittlerweile ein entscheidendes Kaufkriterium ist, “ so Timm von Dressler und erklärt weiter „unser Ansporn ist es, einer breiten Masse zu ermöglichen, eine nachhaltigere Kaufentscheidung treffen zu können. Dafür muss unser Preis trotz Recycling vergleichbar sein mit Konkurrenzprodukten aus Polyester. Dies erreichen wir durch schlanke Strukturen und direktere Vertriebswege.“

Der Rucksack "Oskar" ist PFC-frei (Bild: Johnny Urban)

Ein gutes Beispiel ist der Rolltop-Rucksack mit dem Namen “Oskar”, der rund 40 Euro kostet. Zum Vergleich: Ein ähnliches Model von Konkurrent Freitag, das aus alten LKW-Planen gefertigt ist, kostet ungefähr das doppelte.

Komplett nachhaltig ist die Kleidung aus recyceltem Kunststoff, kurz rPET, dennoch nicht, früher oder später wird auch die Plastikflaschen-Jacke wieder auf dem Müll landen. Einen perfekten Kreislauf bietet nur das Cradle-to-Cradle-Prinzip. Das besagt, dass alle Produkte, die neu auf den Markt kommen, so gemacht sind, dass alle Bestandteile restlos wiederverwertet werden können. Ein Aspekt, der auch für Timm von Dressler Bedeutung hat:

“Es ist wichtig, dass bei der Herstellung von Produkten die Recycelbarkeit bereits ein Kriterium ist. Hier können auch wir uns noch deutlich verbessern. Keiner ist perfekt, aber zumindest sollten wir alle schauen, wie unser Beitrag zu nachhaltigerem Konsum aussehen kann.“