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Warum wir oft "vorverdaute" Lebensmittel essen – ohne es zu wissen

Experten warnen vor gesundheitlichen Folgen

Für viele verarbeitete Lebensmittel gilt: Hat man einmal angefangen zu snacken, kann man kaum noch aufhören. Der Grund dafür ist bedenklich. (Symbolbild: Getty Images)
Für viele verarbeitete Lebensmittel gilt: Hat man einmal angefangen zu snacken, kann man kaum noch aufhören. Der Grund dafür ist bedenklich. (Symbolbild: Getty Images)

Es ist weit mehr als nur ein Klischee, dass man bei Chips mit dem Essen nicht aufhören kann, bevor die Tüte leer ist. Und auch andere süße wie salzige Snacks wie auch Fertiggerichte erzeugen weniger Sättigungsgefühl als vielmehr das Bedürfnis, immer noch mehr davon zu essen. Der Grund dafür liegt nicht nur in den zahlreichen Geschmacksverstärkern wie Natriumglutamat, Hefeextrakt oder schlicht Zucker, die der Verbraucherzentrale zufolge eine Art Suchtfaktor erzeugen.

Eine weitere Ursache liegt in der speziellen Verarbeitung, die dem Körper die Verdauungsarbeit abnimmt und dadurch nicht das Gefühl erzeugt, jemals satt zu sein. Wie das gelingt? Mit einem Herstellungsverfahren, das die Verdauung nachahmt. Strenggenommen sind zahlreiche unserer Lebensmittel also "vorverdaut".

Die Verarbeitung von Fertig-Lebensmitteln ähnelt der menschlichen Verdauung

Um jene so leckeren wie ungesunden Snacks oder Fertiggerichte herzustellen, die keiner großen Zubereitung bedürfen als sie vielleicht kurz zu erwärmen, werden Grundbestandteile wie Mais, Kartoffeln oder Getreide bereits vorab in ihre molekularen Bestandteile wie Stärke, isolierte Proteine oder Fettsäuren aufgespalten.

Wie die European Starch Industry Association erklärt, wird dabei vor allem Stärke extrahiert, aber auch Eiweiß oder Ballaststoffe. Wie die Organisation in einem Video erläutert, wird etwa die Hälfte von diesem Stärke-Brei dafür hergenommen, stärkebasierte Mehrfachzucker herzustellen, und zwar durch Hydrolyse – einen Prozess also, wie er auch bei der menschlichen Verdauung stattfindet, wenn die Bestandteile der Kohlenhydrate durch Enzyme aufgespalten werden.

In weiteren Arbeitsschritten wird der Brei an kurzkettigen Kohlenhydraten und Mehrfachzuckern mittels klebrigen Emulgatoren wieder in Form gebracht und je nach Endprodukt mit jeder Menge Geschmacksverstärkern, Farbstoffen oder Fetten versehen. Bestandteile wie Ballaststoffe oder gesunde Fettsäuren werden meist weggelassen – die würden unnötig satt machen.

Mehr als nur Übergewicht: So gefährlich ist diese Herstellungsweise tatsächlich

Zur Folge haben diese "vorverdauten" Lebensmittel, dass der Magen kaum noch Arbeit damit hat. Das treibt nicht nur den Blutzucker rasend schnell in die Höhe, was ein entscheidender Faktor für die Entstehung von Stoffwechselstörungen wie Diabetes ist, sondern veranlasst den Magen auch kaum dazu, ein Sättigungssignal ans Gehirn zu schicken – stattdessen will er immer noch mehr von den künstlich lecker gemachten Snacks.

Allerdings sind die Folgen offenbar weitreichender als Übergewicht und Diabetes, wie weitere Studien zeigen. Experten vergleichen den Konsum solcher Lebensmittel mit der Fütterung, wie sie bei Vögeln geschieht, die ihre Nachkommen mit einem vorverdauten Nahrungsbrei versorgen – doch so funktioniert die menschliche Verdauung eben nicht. Wie Dr. Dariush Mozaffarian, Leiter der ernährungswissenschaftlichen Fakultät an der Tufts University, Newsweek erklärt, ist es auf Dauer gefährlich, das Verdauungssystem derart zu unterfordern: "Anstatt im Magen langsam in Glukose aufgespalten zu werden, werden diese Nahrungsmittel schon im Mund verdaut und durchqueren den Magen vorverdaut und sind schon komplett vom Körper aufgenommen, bevor sie im Dünndarm landen."

Dieser Schnelldurchlauf der Verdauung hungere die gesunden Darmbakterien, die entscheidend für eine funktionierende Verdauung sind, quasi aus und machten dadurch auch die Darmwände durchlässiger für schädliche Bakterien und Giftstoffe. Die Folge davon seien Entzündungsprozesse im Körper, die wiederum als als Treiber für diverse Krankheiten wie Arteriosklerose, Alzheimer, Asthma und sogar Krebs gelten.

Der
Der "vorverdaute" Kohlenhydrate-Brei lässt sich je nach weiteren Zutaten in diverse Produkte verwandeln, von Keksen bis Tiefkühlpizza – weswegen die Lebensmittelindustrie ihn so liebt. (Symbolbild: Getty Images)

So viele Lebensmittel sind derart ultrahochverarbeitet

Für die Industrie hat diese schädliche Herstellungsweise allerdings gleich mehrere Vorteile. Nicht nur veranlasst sie die Kunden, mehr von ihren Produkten zu essen, und erhöht damit auch den Absatz. Der ungesunde, aber äußerst variable Grundbaustoff von extrahierten Kohlenhydraten macht zudem auch die Herstellung diverser Lebensmittel äußerst bequem. Je nachdem, was man damit mischt und wie man ihn wieder zusammensetzt, können alle möglichen Produkte daraus hergestellt werden, wie Infektiologe Dr. Chris van Tulleken vom University College London CNN erklärt.

"Daraus kann Fertig-Pizza werden, wenn man ihn mit Tomaten und Käse belegt. Es kann ein Burger-Brötchen daraus werden. Es kann zu einem Getreideriegel werden, zu Frühstücks-Cornflakes, Eiscreme oder Süßigkeiten – sie alle haben die gleichen Grundbaustoffe", so der Experte.

Dies bedeutet nicht automatisch, dass jegliches sogenanntes Convenience Food – also vorverarbeitete Lebensmittel, bei denen man sich entscheidende und zeitfressende Arbeitsschritte spart – ungesund ist. Achtsam sein sollte man jedoch unter anderem bei Inhaltsstoffen wie der sogenannten "modifizierten Stärke", Gerstenmalz, Maltodextrin, Glukosesirup oder anderen Bezeichnungen für verarbeitete Getreide oder Zuckerarten – diese werden durch "Vorverdauung" hergestellt.